"Das ist der beste Bezirk der Welt", schwärmt Amir. "Da hinten ist Ankara", sagt er und macht eine Geste in Richtung Favoriten, die sagen soll: Wer will dort schon leben? "Meine Freundin wohnt in Ottakring, aber da ist es auch nicht gut, alles ist von dort so weit weg. Von hier dagegen bin ich in fünf Minuten auf der Mariahilfer Straße und in zehn Minuten bei der Oper. Nur die Ampel hier vor der Tür, die hasse ich." Amir lacht. Weil er weiß, dass alle diese Ampel hassen. Und weil er zugleich weiß, dass es irgendwie auch lächerlich ist, eine Ampel zu hassen.

Amir, Flüchtling aus dem Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan, sitzt im Mimoza am Siebenbrunnenplatz. Dem Lokal eilt der Ruf voraus, der beste Dönerbrater der Stadt zu sein, es ist aber zugleich auch so etwas wie das Dorfwirtshaus. Hier treffen sich alle. Kurden und Künstler, Migranten und Alteingesessene. Es ist die Mitte des Planeten Reinprechtsdorf. "Hier wohnen alle zusammen, und keiner hat ein Problem damit", behauptet Amir.

Die Reinprechtsdorfer Straße durchzieht Margareten, den 5. Wiener Bezirk, von Norden nach Süden, vom Wienfluss bis zur städtebaulichen Katastrophe des Matzleinsdorferplatzes. Zugleich ist die Straße eine imaginäre Demarkationslinie. Östlich, Richtung Innenstadt, ist die Gegend aufgehübscht, Meter für Meter wird es schicker, geschrubbter und polierter. Westlich, Richtung Gürtel, wird es räudiger, billiger. Und als Begrenzung dieses städtischen Riegels reihen sich am Gürtel imposante Gemeindebauten aneinander, die einstmals als "Ringstraße des Proletariats" erbaut worden waren.

So prallen in der Reinprechtsdorfer Vorstadt, die Mitte des 19. Jahrhunderts gerade einmal 1.100 Einwohner zählte, bis heute Welten aufeinander: das bürgerlichere Margareten im Osten auf das Arbeiter-Margareten im Westen, das migrantische auf das kreativ-urbane. Und dazwischen dieser geschundene Boulevard, durch den sich Blechlawinen schieben, über den verächtlich gesprochen wird, weil er als Einkaufsstraße tot ist und nur mehr ein paar Juweliere, spießige Boutiquen, Ein-Euro-Shops, Handyläden und viele, sehr viele Wettlokale beherbergt.

In der groben Geografie der Stadt gilt Margareten als urbanes Innergürtel-Viertel, weit weg von den Gegenden, die man "soziale Brennpunkte" oder "Problemzonen" nennt. Zugleich wäre es aber bizarr, Margareten als coolen Bobobezirk beschreiben zu wollen.

Es genügt schon ein einfacher Blick auf die Einkommensstatistik: Jährlich 18.900 Euro netto verdienen Arbeitnehmer in Margareten durchschnittlich (also rund eineinhalbtausend Euro monatlich). Das ist knapp mehr als in Favoriten, weniger als in Simmering und satte 3.500 Euro jährlich weniger als in Mariahilf, das nur einen Steinwurf entfernt über dem Wienfluss liegt. Damit ist Margareten in Hinblick auf die Einkommen der fünftärmste Bezirk von Wien. Es ist zugleich der am dichtesten besiedelte Bezirk und der mit dem höchsten Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund in den Schulen.

"Das ist hier die West Side", sagt Bernhard Damisch und lacht begeistert. Damisch hat viele West Side Storys zu erzählen. Seit den achtziger Jahren ist er so etwas wie die Zentralfigur des 5er-Hauses, eines Jugendzentrums in der Grünwaldgasse. Wenn man am oberen Ende der Reinprechtsdorfer Straße einmal um die Ecke biegt, steht man vor dem bungalowartigen Flachbau.

Rund 500 Jugendliche kommen pro Monat in das Jugendzentrum. An manchen Tagen sind es nur 30 oder 40, an anderen wiederum 300. Manche einfach nur zum Abhängen, andere, um Billard zu spielen oder die Männchen beim Tischfußball rotieren zu lassen. Wieder andere tauchen auch auf, um zu lernen. Im Keller gibt es ein hochprofessionelles Tonstudio, im Erdgeschoss einen Videoraum mit Equipment und Greenscreen. In einem Nebenraum werden gerade Deutschkurse für Flüchtlinge abgehalten. Im Keller dreht die Breakdance-Truppe ihre Pirouetten.