Es brauchte nur ein paar Tage, um die Zukunft eines Unternehmens infrage zu stellen, das sich seit 140 Jahren am Markt behauptet hat. Ende Dezember brach der Börsenkurs des japanischen Konzerns Toshiba um 40 Prozent ein. Am Hauptsitz an der Bucht von Tokio registrierten die Manager die wohl schwärzeste Woche der Firmengeschichte.

Dabei gehört Toshiba mit einem Jahresumsatz von umgerechnet 50 Milliarden Euro zu den größten Unternehmen der Welt. Es ist bekannt für Laptops und Mikrochips, für Kühlschränke und Drucker – stellt allerdings auch Atomreaktoren her. Genau damit hat die jüngste Krise zu tun. Und so fragt sich Japan derzeit, ob nach dem Stromversorger Tepco nun der nächste nationale Atomkonzern vor unlösbaren Problemen steht.

Auslöser des Kurseinbruchs an der Börse sind Probleme in den Vereinigten Staaten. Dort ist das Unternehmen CB&I Stone & Webster am Bau von zwei Atomreaktoren beteiligt, doch die Kosten dürften deutlich höher ausfallen, die Arbeiten viele Jahre länger dauern als ursprünglich geplant. Zum Problem für Toshiba wird das, weil CB&I Stone & Webster seit 2015 zur Toshiba-Tochter Westinghouse gehört, einem Reaktorbauer. Finanzexperten erwarten bis zu 4,3 Milliarden Dollar Abschreibungen.

Was für ein tiefer Fall, nachdem Toshiba im Jahr 2006 die Übernahme von Westinghouse noch mit den Worten gefeiert hatte, das Unternehmen werde nun zum Weltmarktführer im Nukleargeschäft aufsteigen.

Und heute? Das Unternehmen dementiert nicht, will sich selbst aber erst im Februar zu den finanziellen Konsequenzen äußern. Viel Raum für Spekulationen also. Die Rating-Agenturen Standard & Poor’s und Moody’s haben das Unternehmen dafür bereits abgestraft und die Bonität von Toshiba herabgestuft.

Auch wenn sich die Aktie zum Jahreswechsel wieder ein wenig stabilisiert hat: Dass es sich bei dem Kurseinbruch lediglich um eine Börsenlaune gehandelt hat, ist unwahrscheinlich. Es ist nicht die erste Toshiba-Krise in der jüngeren Zeit. Im Frühjahr 2015 war herausgekommen, dass zwischen 2008 und 2014 die Bilanzen um 1,13 Milliarden Euro geschönt worden waren, woraufhin der Konzern 2016 rote Zahlen auswies. Mit verantwortlich dafür war, dass die Toshiba-Tochter Westinghouse sich mit CB&I Stone & Webster verkalkuliert hatte und 2,3 Milliarden Dollar abschreiben musste. Daraufhin leitete der Konzern ein großes Umstrukturierungsprogramm ein. Die Medizintechniksparte wurde an Canon verkauft, auch große Teile des Geschäfts mit Unterhaltungselektronik wie etwa Fernseher und PCs wurden abgestoßen.

Die Kernkraftwerkssparte dagegen, die rund ein Drittel des Gesamtumsatzes ausmacht, hat Toshiba behalten. Über Jahrzehnte hinweg stellte der Reaktorbau praktisch eine Garantie für Wachstum dar, weil Japans Regierung die Atomkraft beständig ausbauen wollte. Von den insgesamt 54 Reaktoren in Japan hat Toshiba allein 22 gebaut, und ursprünglich sollten es sogar noch mehr werden.

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011, die auch von Toshiba gebaute Reaktoren betraf, wurden neue Großprojekte im Inland zwar weniger wahrscheinlich. Doch eine Allianz aus Großindustrie und Regierungselite bemühte sich um Ersatz. Der Stromkonzern Tepco, der auch das havarierte Kraftwerk betrieb, wurde unter staatlichen Schutz gestellt. Einige der nach dem Erdbeben abgeschalteten Reaktoren laufen mittlerweile wieder. In Indien, der Türkei und Vietnam trat Premierminister Shinzo Abe zudem persönlich als Fürsprecher der japanischen Reaktorbauer auf.