Das Auffälligste an Mirko Maier* sind seine knallgrünen Augen und seine langen Wimpern. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass er den Kopf nicht gut nach links drehen kann – es sieht aus, als müsse er sich dafür sehr anstrengen. Maier hat eine zervikale Dystonie, einen Schiefhals. Seine Hals- und Nackenmuskeln verkrampfen sich, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Als Ursache von Dystonien vermuten Forscher Fehlsteuerungen in Hirnregionen, die für Koordination und Bewegung verantwortlich sind. Dass die meisten Menschen die Erkrankung des 40-Jährigen kaum bemerken, verdankt er dem Nervengift Botulinumtoxin. Unter dem Markennamen Botox wurde es als Faltenkiller international bekannt. Weniger öffentlichkeitswirksam ist seine zweite Karriere als Wirkstoff in der Medizin. Ärzte spritzen es heute gegen immer mehr Krankheitsbilder und Beschwerden – von krampfenden Muskeln oder zuckenden Lidern über stark schwitzende Achseln und chronische Kopfschmerzen bis hin zu Blasenproblemen.

Alle drei Monate kommt Maier in die Spezialsprechstunde von Carsten Buhmann am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf, um sich Botulinumtoxin spritzen zu lassen. Das Medikament lähmt die hyperaktiven Muskeln, dadurch kann Maier den Kopf wieder gerade halten. In seinem Sprechzimmer zeigt der Neurologe Buhmann ein Video aus dem Jahr 2009: Maier blickt in die Kamera, plötzlich renkt sich sein Kopf nach rechts hinten. Er muss beide Hände zu Hilfe nehmen, um ihn wieder nach vorne zu biegen.

Buhmann greift nach einer Ampulle. Auf dem Boden der kleinen Glasflasche ist ein Hauch weißes Pulver zu erkennen – das Botulinumtoxin. Der Arzt füllt die Ampulle mit Kochsalzlösung auf, jetzt kann er 100 Einheiten auf eine Spritze ziehen. Mit einem Ultraschallgerät sucht er in Maiers Kapuzenmuskel am Nacken die richtige Einstichstelle für die Spritze. Präzisionsarbeit. "Man muss genau wissen, welche Muskelgruppen zusammenspielen, wenn der Kopf nach rechts dreht, nach vorne zieht oder nach links kippt", sagt Buhmann. Wenn er die Dosis zu hoch wählt, kann sein Patient Schwierigkeiten bekommen, den Kopf zu halten. Erwischt er die falschen Muskeln, treten womöglich Atemprobleme oder Schluckbeschwerden auf.

Die richtige Dosis ermittelt der Neurologe aus Erfahrungswerten. Er hält sie in einem Schema fest, das von Patient zu Patient variiert. Maier bekommt bei jedem Besuch 250 Einheiten injiziert. Zum Vergleich: In der Schönheitsmedizin spritzen Ärzte zur Glättung einer Zornesfalte 5 bis 8 Einheiten, für die gesamte Stirn 12 bis 20.

Dass hier ganz exakt gerechnet und gespritzt werden muss, liegt in der Natur des Wirkstoffs. Schon wenige Milliardstelgramm Botulinumtoxin können tödlich sein. In den Ampullen steckt allerdings deutlich weniger. "Um einen 70 Kilogramm schweren Menschen mit einer Injektion in größere Skelettmuskeln tödlich zu vergiften, bräuchte es mindestens 40 bis 50 Ampullen", sagt Buhmann.

Weil der Körper das Toxin nach und nach abbaut, ist der Effekt des Nervengifts zudem zeitlich begrenzt. Je nach Konstitution des Patienten hält die Wirkung etwa drei bis vier Monate an. Das sei Vor- und Nachteil zugleich, sagt der Neurologe. "Einerseits lässt die gewünschte Wirkung nach einiger Zeit nach, andererseits bleiben mögliche Nebenwirkungen auch nicht allzu lange bestehen." Für die Hersteller hat diese Eigenschaft des Botulinumtoxins einen lukrativen Effekt: Die Patienten brauchen alle paar Monate Nachschub. Und das weiße Pulver ist nicht nur hochgiftig, sondern auch sehr teuer.

In der Schönheitsmedizin kostet eine Anwendung zwischen 250 und 400 Euro. "Das Spritzen von Botulinumtoxin ist die mit Abstand häufigste ästhetische Behandlung in Deutschland", sagt Magnus Noah, Chefarzt einer Klinik für Plastische Chirurgie in Kassel und ehemaliger Präsident der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen. Täglich spritzt er vier bis fünf Patienten die Stirn glatt oder die Krähenfüße weg. Allein die Mitglieder seines Verbandes führen jährlich in Deutschland mehr als 20.000 Eingriffe mit Botulinumtoxin durch, Tendenz: steigend.

*Name von der Redaktion geändert

Langzeitfolgen unklar

Im Jahr 2015 hat das Pharmaunternehmen Allergan mit Botulinumtoxin nach eigenen Angaben weltweit 2,4 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Branchenexperten schätzen den Gesamtmarkt auf etwa 3 Milliarden Dollar und erwarten, dass sich der globale Umsatz in den nächsten acht Jahren noch verdoppelt. Seinen Erfolg hat der Marktführer vor allem dem therapeutischen Einsatz von Botulinumtoxin zu verdanken. Der medizinische Markt hat die kosmetischen Botox-Kuren überflügelt, mehr als 60 Prozent des Umsatzes mit Botulinumtoxin macht Allergan inzwischen mit therapeutischen Anwendungen. In Deutschland ist das Nervengift mittlerweile für 15 Indikationen zugelassen, international behandeln Mediziner damit über 20 Gesundheitsbeschwerden.

Diese Entwicklung haben die Botulinumtoxin-Hersteller gezielt vorangetrieben. Der deutsche Pharmakonzern Merz beispielsweise gab im Geschäftsjahr 2014/15 149 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung aus – das meiste davon floss in die Weiterentwicklung seiner Botulinumtoxin-Produkte. Fast 700 Studien zu dem Wirkstoff verzeichnet das Register clinicaltrials.gov weltweit, im Jahr 2008 waren es noch 90. Für jede medizinische Indikation, die ein Pharmaunternehmen neu erschließt, erhält es ein Anwendungspatent. Es gilt nur für die spezielle Form und Aufbereitung des Botulinumtoxins, die der Hersteller verkauft. Das Patent garantiert damit einen exklusiven Zugang zum Markt, bis ein Konkurrent nachweisen kann, dass sein Produkt bei der gleichen Indikation ebenfalls wirkt.

Um das Umsatzwachstum weiter anzukurbeln, bedienen sich die Hersteller zuweilen fragwürdiger Methoden. Vor zwei Jahren sorgte eine verdeckte Werbekampagne von Allergan für Diskussionen, in der das Unternehmen auf Plakaten und mit einer Internetseite über chronische Migräne informierte. Das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland umging das Unternehmen, indem es Botulinumtoxin nur als eine von mehreren möglichen Behandlungsoptionen nannte. Für den Laien war nicht erkennbar, dass der Konzern hinter dieser Aktion steckte.

Immer wieder stehen die Hersteller auch in der Kritik, weil für jedes neue Anwendungsgebiet der hochgiftigen Substanz Labortiere sterben müssen. Bis heute ist außerdem nicht ganz klar, wo das Gift nach der Injektion im Körper überall hingerät und was es auf lange Sicht bewirkt. Schon vor einigen Jahren wies der italienische Forscher Matteo Caleo vom Institut für Neurowissenschaften in Pisa in Untersuchungen mit Ratten nach, dass Botulinumtoxin entlang der Nervenbahnen ins Gehirn wandern kann. "Das könnte auch bei Patienten passieren, die mit sehr hohen Dosen gegen Spastiken oder Dystonie behandelt werden", sagt Caleo. Diese unbeabsichtigte Wirkung müsse aber nicht unbedingt schädlich sein, sagt der Neurowissenschaftler: Womöglich könnte das Botulinumtoxin die krankhafte Hyperaktivität der Nervenzellen bei Patienten mit Dystonie oder auch Epilepsie sogar an zentraler Stelle herunterfahren, statt nur die Übertragung vom Nerv auf den Muskel zu unterbinden.

Mirko Maier zerbricht sich über diese Fragen nicht den Kopf, für ihn ist Botulinumtoxin im Moment schlicht die beste Option. Die Alternative wäre drastisch und kommt für ihn nicht infrage: die Implantation einer Elektrode ins Gehirn, die mit elektrischen Reizen die hyperaktiven Regionen dämpfen würde. Von Nebenwirkungen des Toxins hat Maier in den sieben Jahren seit Behandlungsbeginn noch nichts gespürt. Aber er würde sie in Kauf nehmen. Das teure Gift ermöglicht ihm wieder ein einigermaßen normales Leben – ohne ständig angestarrt zu werden.