Im Jahr 2015 hat das Pharmaunternehmen Allergan mit Botulinumtoxin nach eigenen Angaben weltweit 2,4 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Branchenexperten schätzen den Gesamtmarkt auf etwa 3 Milliarden Dollar und erwarten, dass sich der globale Umsatz in den nächsten acht Jahren noch verdoppelt. Seinen Erfolg hat der Marktführer vor allem dem therapeutischen Einsatz von Botulinumtoxin zu verdanken. Der medizinische Markt hat die kosmetischen Botox-Kuren überflügelt, mehr als 60 Prozent des Umsatzes mit Botulinumtoxin macht Allergan inzwischen mit therapeutischen Anwendungen. In Deutschland ist das Nervengift mittlerweile für 15 Indikationen zugelassen, international behandeln Mediziner damit über 20 Gesundheitsbeschwerden.

Diese Entwicklung haben die Botulinumtoxin-Hersteller gezielt vorangetrieben. Der deutsche Pharmakonzern Merz beispielsweise gab im Geschäftsjahr 2014/15 149 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung aus – das meiste davon floss in die Weiterentwicklung seiner Botulinumtoxin-Produkte. Fast 700 Studien zu dem Wirkstoff verzeichnet das Register clinicaltrials.gov weltweit, im Jahr 2008 waren es noch 90. Für jede medizinische Indikation, die ein Pharmaunternehmen neu erschließt, erhält es ein Anwendungspatent. Es gilt nur für die spezielle Form und Aufbereitung des Botulinumtoxins, die der Hersteller verkauft. Das Patent garantiert damit einen exklusiven Zugang zum Markt, bis ein Konkurrent nachweisen kann, dass sein Produkt bei der gleichen Indikation ebenfalls wirkt.

Um das Umsatzwachstum weiter anzukurbeln, bedienen sich die Hersteller zuweilen fragwürdiger Methoden. Vor zwei Jahren sorgte eine verdeckte Werbekampagne von Allergan für Diskussionen, in der das Unternehmen auf Plakaten und mit einer Internetseite über chronische Migräne informierte. Das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland umging das Unternehmen, indem es Botulinumtoxin nur als eine von mehreren möglichen Behandlungsoptionen nannte. Für den Laien war nicht erkennbar, dass der Konzern hinter dieser Aktion steckte.

Immer wieder stehen die Hersteller auch in der Kritik, weil für jedes neue Anwendungsgebiet der hochgiftigen Substanz Labortiere sterben müssen. Bis heute ist außerdem nicht ganz klar, wo das Gift nach der Injektion im Körper überall hingerät und was es auf lange Sicht bewirkt. Schon vor einigen Jahren wies der italienische Forscher Matteo Caleo vom Institut für Neurowissenschaften in Pisa in Untersuchungen mit Ratten nach, dass Botulinumtoxin entlang der Nervenbahnen ins Gehirn wandern kann. "Das könnte auch bei Patienten passieren, die mit sehr hohen Dosen gegen Spastiken oder Dystonie behandelt werden", sagt Caleo. Diese unbeabsichtigte Wirkung müsse aber nicht unbedingt schädlich sein, sagt der Neurowissenschaftler: Womöglich könnte das Botulinumtoxin die krankhafte Hyperaktivität der Nervenzellen bei Patienten mit Dystonie oder auch Epilepsie sogar an zentraler Stelle herunterfahren, statt nur die Übertragung vom Nerv auf den Muskel zu unterbinden.

Mirko Maier zerbricht sich über diese Fragen nicht den Kopf, für ihn ist Botulinumtoxin im Moment schlicht die beste Option. Die Alternative wäre drastisch und kommt für ihn nicht infrage: die Implantation einer Elektrode ins Gehirn, die mit elektrischen Reizen die hyperaktiven Regionen dämpfen würde. Von Nebenwirkungen des Toxins hat Maier in den sieben Jahren seit Behandlungsbeginn noch nichts gespürt. Aber er würde sie in Kauf nehmen. Das teure Gift ermöglicht ihm wieder ein einigermaßen normales Leben – ohne ständig angestarrt zu werden.