Unromantisch? Sicherlich. Desillusioniert? Auch das. Zukunftsweisend? Durchaus möglich. Man könnte das neue Beziehungsmodell aber ebenso als Rückkehr in mittelalterliche Verhältnisse ansehen. Denn auch damals wurde das Unternehmen Familiengründung vorwiegend pragmatisch angegangen. Liebe? Spielte so gut wie keine Rolle.

Dank des Internets kehrt ausgerechnet diese nüchternste aller Beziehungsformen wieder zurück. In Onlineportalen tun sich Paare zusammen, die eine Familie gründen und Kinder großziehen wollen – aber nur auf freundschaftlicher Basis, frei von Sex. Familienleben ohne Liebesglück lautet die neue Formel. Statt sich mit dem Anspruch zu quälen, Partner- und Kinderliebe miteinander zu vereinbaren, machen sich die neuen "Co-Eltern" einfach frei davon.

So wie Kathrin Czupek*. Eine attraktive Frau mit langen blonden Haaren und milden Augen, 36 Jahre alt, erfolgreich im Beruf. Früher träumte sie noch von einem Traumprinzen, Hochzeit in Weiß, Haus und Kindern. Nach einer gescheiterten Beziehung und einigen Affären sucht sie im Internet jetzt nur noch einen Mann, mit dem sie ein Kind großziehen kann.

Bis vor wenigen Monaten wusste sie gar nicht, dass so etwas geht. "Ich hatte einfach nicht im Kopf, dass es auch Männer mit unerfülltem Kinderwunsch gibt, die mehr sein wollen als nur Samenspender", sagt sie. Ihren Traumprinzen kann sie später noch treffen, mit 45 oder 60 Jahren. Kinder gebären kann sie nur jetzt. Deshalb hat sie sich bei dem Onlineportal Familyship angemeldet und trifft sich mit Co-Parents, potenziellen Elternpartnern.

In den USA oder Großbritannien florieren solche Portale schon länger, sie heißen Coparents oder Family by Design, Pollen Tree oder Pride Angel. Der amerikanische Anbieter Modamily hat 20.000 Mitglieder, 80 Prozent davon sind heterosexuell, mehr als zwei Drittel sind Frauen. Auch in Deutschland hat sich ein Markt entwickelt. Die beiden Portale Co-eltern.de und Familyship.org haben zusammen rund 10.000 Mitglieder. Wie beim Onlinedating legt man sich ein Profil an, knüpft Kontakte, verabredet sich.

Kathrin Czupeks erstes Date mit einem potenziellen Vater fand in einem Museum statt. Glatte Böden und helle Räume, ein neutraler Ort zum Reden. Er fragte: "Hattest du eine gute Anreise?" Sie fragte: "Wie war dein Tag?" Beide fanden sich sympathisch, sogar attraktiv. Im Museumscafé auf dunklen Ledersesseln fragten sie sich: "Wie willst du dein Kind erziehen? Wie wichtig sind dir gemeinsame Aktivitäten und Mahlzeiten zu dritt? Bist du religiös? Soll das Baby getauft werden?" Dates mit einem Co-Parent sind direkt. Es geht sofort um die wichtigen Fragen.

In einer Gesellschaft, in der jede dritte Ehe geschieden wird und immer mehr Singles leben, erscheint Kathrin Czupek das Co-Parenting als logische Erweiterung bestehender Familienmodelle. Dass man sich aus pragmatischer Vernunft zusammentut, um ein Kind zu zeugen, ist in homosexuellen Kreisen schon länger gang und gäbe. Schließlich ermöglicht die moderne Fortpflanzungsmedizin heute alle denkbaren Kombinationen der Elternschaft. Nun entdecken zunehmend heterosexuelle Singles das Co-Parenting. Interesse zeigen vor allem Frauen, deren biologische Uhr drängt. Wie Kathrin Czupek sind sie es leid, die Erfüllung ihres Kinderwunsches von einem Partner abhängig zu machen, der vielleicht nie erscheint.

Ist diese Art der Co-Elternschaft ein Resultat zunehmender Bindungsangst? Oder eher eine neue Form bewusst gestalteter Beziehungskultur? "Das ist ein ganz neues Konzept, es gibt keine Studien dazu", sagt die Psychologin Petra Thorn, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung. Für sie handelt es sich um eine "postmoderne Familienform, die sich im gelebten Leben noch bewähren muss". Um die Kinder müsse man sich dabei wohl wenig Sorgen machen. "Wenn die Eltern gut mit der Situation umgehen und dazu stehen, kommen vermutlich auch die Kinder damit zurecht."

Die Zeugung erfolgte mit der Bechermethode – es klappte auf Anhieb

So sieht das auch Anja Vogt* aus Köln. "Damit es dem Kind gut geht, braucht es eine gesunde Beziehung zwischen den Eltern. Aber das muss keine Liebesbeziehung sein", sagt sie. Vogt ist 39 Jahre alt und schwanger. Ihren Sohn kann sie schon spüren, er tritt Dellen in den Bauch der Mutter. Die Co-Väter wohnen zehn Fußminuten entfernt. Anja Vogt hat das homosexuelle Paar auf Familyship kennengelernt; es ist Zufall, dass sie Nachbarn sind. Um herauszufinden, ob es zwischen ihnen passt, fuhren sie erst einmal gemeinsam in den Urlaub.