Frühherbst auf einer Nordseeinsel, ein Apartment mit zwei Schlafzimmern, draußen Wind und Sonne. Die drei radelten mit den Fahrrädern über flaches Land, abends tranken sie Cocktails, sie lachten viel. Am Strand sprachen sie über HIV-Tests. Ein halbes Jahr nach dem Kennenlernen zeugten sie ihren Sohn. Der leibliche Co-Vater kam zu Anja Vogt in die Wohnung, verschwand im Bad, kam mit einem Becher voller Sperma heraus, sie nahm den Becher und eine Plastikspritze mit ins Schlafzimmer. Es klappte auf Anhieb.

Der Sohn soll später die Hälfte der Zeit bei seiner Mutter wohnen und die andere Hälfte bei den Vätern. Alle drei wissen, dass sich so etwas in der Theorie festlegen lässt – doch dass sie flexibel sein müssen, sobald der neue Mensch da ist. Das Sorgerecht teilen sich allerdings nur der leibliche Vater und Anja Vogt. Vor dem Gesetz kann ein Kind immer nur zwei Eltern haben.

"Genau genommen bauen wir bewusst eine Scheidungsfamilie auf", sagt Vogt. "Mit dem Unterschied, dass wir uns als Eltern super verstehen und alle zusammen Unternehmungen machen werden. Denn es gibt keine verletzten Eitelkeiten wie bei gescheiterten Liebesbeziehungen." Dies ist das am häufigsten angeführte Argument für Co-Parenting. Außerdem, sagt Anja Vogt, würden Babys oft genug geboren, um eine brüchige Beziehung zu retten. Das will sie nicht. Deshalb habe sie sich aus Liebe zum Kind für eine "gesunde, unkomplizierte Freundschaft" entschieden. "Dass wir drei wunderbar glückliche Eltern werden, daran besteht für mich überhaupt kein Zweifel."

Ein wenig Romantik ist also doch im Spiel, in Form des Versprechens auf respektvollen Austausch bis in alle Ewigkeit. Das scheint normalen (und eventuell irgendwann getrennten) Paaren nicht mehr unbedingt zugetraut zu werden. Aber wie in jeder Familie kann es auch zwischen Co-Eltern anders kommen als geplant. Das hat Melanie Klimke* erlebt, 33 Jahre alt und alleinerziehende Mutter zweier Töchter. Die erste entstand aus einer Liebesbeziehung, die zweite aus einer Co-Elternschaft. Abgehauen sind beide Väter.

"Zwischenmenschlich scheitern kann man in allen Formen", sagt Klimke. Als Schülerin wurde sie erstmals Mutter. Der Freund wollte das Kind nicht, ein Jahr nach der Geburt war die Beziehung kaputt. Mit Ende zwanzig, als studierte, alleinstehende Frau, überkam sie der Wunsch nach einem zweiten Kind. "Als ich damals auf die Suche nach einem Vater ging, gab es noch kein Wort dafür. Oder vielleicht doch eines, das ich allerorts hörte: Wahnsinn!" Den Co-Vater fand sie über ein Samenspenderportal.

Nach vier Monaten mit Mails, Telefonaten und Treffen unternahmen sie den Zeugungsversuch – ohne Becher, weil echter Sex die Chancen erhöht. Heute glaubt Melanie Klimke, dass der Mann sie wohl nur ins Bett bekommen wollte. Als sie schwanger war, stellte sich heraus, dass sein Job vorübergehend war, sein Menschenbild negativ und "überhaupt der ganze Kerl ein Griff ins Klo". Drei Monate nach der Geburt sah sie ihn zum letzten Mal.

Klimke versteht sich als unabhängige Frau. Sie will keine Beziehung mehr, in ihrem Freundeskreis gibt es kein Paar, das sie um seine Beziehung beneidet. Das mit dem Co-Parenting will sie aber nochmals versuchen. Sie hat jetzt ein Profil auf Familyship. Diesmal will sie ein paar "Fehlerquellen vermeiden": bloß nicht aus Zeitdruck miese Kompromisse eingehen. Kein falsches Vertrauen haben, Angaben belegen lassen. "Man sollte ruhig darauf bestehen, die Mutter oder Freunde kennenzulernen. So erfährt man etwas über das Umfeld des Mannes und seine sozialen Fähigkeiten."

Natürlich gibt es auch schon Ratgeber zum Co-Parenting: Family by Choice heißt ein Buch der Amerikanerin Rachel Hope, die als Pionierin gilt. Sie hat zwei Kinder von zwei verschiedenen Co-Vätern, ihr ältester Sohn ist schon 25. Rachel selbst ist 44. Als junge Frau war sie Umweltaktivistin, fühlte sich frei und radikal. Sie und ihr erster Co-Partner Glenn stammen aus Scheidungsfamilien und wollten es anders machen als ihre Eltern und Stiefeltern. "Wir hielten Liebe für einen reinen Chemie-Cocktail und fanden, Kinder sollten nicht auf der Grundlage eines so unsteten Gefühls entstehen", sagt Hope.