Der Ford Granada meiner Eltern war metallicgrün, sein Motor hatte gerade den Geist aufgegeben, wir warteten am Rand der A 61 auf Hilfe, und mir stand die beeindruckendste Fahrt meiner Kindheit bevor. Zurück nach Hause zwar statt weiter in den Urlaub. Aber in was für einem Wagen! Der herbeigerufene Automechaniker fuhr einen Pick-up-Truck. Dieses Wort kannte ich 1986 noch nicht, den Fahrzeugtyp aber sehr wohl. Ein Geländewagen mit offener Ladefläche, höhergelegtem Fahrwerk und dicken, groben Reifen. "Colt-Auto" sagten wir Kinder dazu, für Colt Seavers, aus der Fernsehserie Ein Colt für alle Fälle, die immer montags im Fernsehen lief.

Unser vollgepacktes Familienauto hatte einen Motorschaden erlitten, und aus dem geplanten Besuch bei meiner geliebten Großcousine Tanja wurde nichts. Aber ich hatte einen der besten Tage meines Kinderlebens. "Wie beim Colt", antwortete ich, als ich neben meinem Vater und unserem Pannenhelfer auf der Sitzbank dieses für die deutsche Provinz exotischen Automobils Platz genommen hatte und der Abschlepper mich fragte, wie ich mich fühle. "Wie beim Colt", das hieß: Wie im Fernsehen, könnte gar nicht besser sein. Am Montag würde ich allen anderen Neunjährigen von unserer Panne und meiner Heimfahrt im Colt-Auto erzählen können! Ein Erlebnis von hohem Schulhof-Wert, denn Ein Colt für alle Fälle schauten alle Kinder. Und ich war der begeistertste Colt- Gucker von allen.

Hätte man mich damals gefragt, mit wem ich tauschen, wer ich gerne sein, wie ich einmal werden wollte, die Antwort wäre so klar wie einsilbig ausgefallen: Colt.

Colt Seavers, der in der Nähe von Hollywood lebte, war Stuntman. Er sprang aus Hochhäusern, rasenden Autos, fliegenden Helikoptern. Und Colt Seavers war Kopfgeldjäger. Wenn er gerade Drehpause hatte, brachte er Bösewichte zurück ins Gefängnis und bekam dafür eine Belohnung. (Auch dafür sprang er zuweilen aus Hochhäusern, rasenden Autos und fliegenden Helikoptern.) Sein grotesk gefederter Pick-up spielte dabei oft die Hauptrolle, wenn der Jäger mit ihm Hindernisse übersprang, den geregelten Verkehr hinter sich ließ und die Gejagten überlistete. Ein springendes Auto! Oft haben wir Kinder das nachgespielt. Viele Varianten des Colt-Wagens haben wir aus Lego nachgebaut und vom Bett springen lassen. "Ja, der Colt", brummte unser Pannenhelfer damals. Er musste das schon oft gehört haben, schließlich fuhr er fast so etwas wie eine Requisite, beinahe selbst ein Stück Colt.

Angeblich haben die Ureinwohner Mittelamerikas die ersten berittenen Spanier als Mischwesen aus Pferd und Mann wahrgenommen. Für uns Jungs war Colt ein Mischwesen aus Superauto und Stuntman. Ein Held, der sich dem Bösen in der Welt genauso breitbeinig entgegenstellte wie den Gesetzen der Physik. Wie hätte Colt Seavers nicht mein Vorbild sein können?

Aber: Wie konnte er bloß? Und wie konnte ich bloß? Ein Vierteljahrhundert nach der Erstausstrahlung (und 22 Jahre nach meinem Autopannenerlebnis) kam Ein Colt für alle Fälle auf DVD heraus. Eine dieser Serien, die dazu einladen, vor dem Bildschirm in Erinnerungen zu schwelgen, und dabei ein wohliges Gefühl von Älterwerden versprechen. Ich nahm die erste Staffel der DVD-Sammlung auf eine längere Zugfahrt mit, bereit für eine Zeitreise.

Es wurde ein peinlicher Trip. Nicht nur, weil die Stunts, die Verfolgungsjagden, die Faustkämpfe von damals, nun ja, sehr nach den achtziger Jahren aussahen. Auch Colt, mein Held, kam mir wie ein Relikt vor, ach was, wie ein Fossil. In den Augen eines leidlich gesetzestreuen Erwachsenen erschien er plötzlich als Grobian aus präzivilisatorischen Zeiten. Dieser Typ mit seinen Cowboystiefeln und seinem Nylonblouson, den herausquellenden Brusthaaren und dem selbstgefälligen Dauergrinsen eines Hey-Schätzchen-Sprücheklopfers (er klopfte tatsächlich auch viele Hey-Schätzchen-Sprüche) löste bei mir sofort intensives Fremdschämen aus. Dieser Typ? Nicht auszuhalten. Und was sollten die Leute im Zug denken? Ich drehte meinen Laptop so, dass die Mitreisenden nicht auf den Bildschirm schauen konnten. Ich verstaute die DVD-Hülle verschämt in meiner Tasche, als handele es sich um einen nicht jugendfreien Film.

"Kulturskeptisch betrachtet ein bedenklicher Dauerbeschuss mit Trash und schlechten Vorbildern", schrieb ich mir das eigene Erschrecken danach in einem Artikel von der Seele. Den Typ fand ich mal toll? Nachdem mein Text über "das Stunt-Männchen" veröffentlicht war, rührte ich die DVDs nicht mehr an.