In Charlie Kaufmans Stop-Motion-Film Anomalisa gleichen sich die Menschen wie ein Ei dem anderen, und (fast) alle reden mit einer identischen Stimme. Dennoch handelt es sich nicht um Dubletten, sondern um unterschiedliche Personen. Aber besitzen diese Personen auch eine unverwechselbare Identität? Und was ist überhaupt "Identität"? Braucht man sie, um eine Person zu sein? Und arbeiten die Transhumanisten im Silicon Valley nicht an ihrer zügigen Abschaffung?

Diese Fragen, die Künstler und Intellektuelle heute umtreiben, hat Derek Parfit schon vor dreißig Jahren in seinem Buch Reasons and Persons gestellt. Damals provozierte der Oxforder Philosoph seine Kollegen mit der Forderung, sie sollten den Glauben an eine feste Identität des Menschen fallen lassen, er sei ebenso überflüssig wie bedeutungslos. Denn einmal angenommen, das eigene Gehirn werde geteilt und in zwei Körper transplantiert, dann habe das alte Ich zwei Körper und einen geteilten Geist. Das alte Ich überlebte als zwei Personen, aber nicht als eine Identität. Beide Personen könnten sich auf ein vergangenes Ich beziehen, ohne dass sie selbst dasselbe Ich sind. Kurzum, die Rede von personaler Identität ist sinnlos.

Parfits Angriff hat produktiven Streit ausgelöst und selbst Rechtsphilosophen verstört. Denn wen bestraft ein Richter eigentlich, wenn es keine stabile Identität gibt? Und wird der Täter nicht sagen können: "Nicht ich war es, der die Tat begangen hat, sondern ein früheres Ich?" Tatsächlich aber hatte es Parfit ganz anders gemeint. Die Absage an eine personale Identität sollte die moralische Verantwortung des Einzelnen nicht schwächen, sie sollte sie stärken. Denn in dem Moment, in dem er sich nicht mehr egozentrisch auf seine vermeintliche Identität versteife, öffne sich seine Fantasie auf das Jedermann – er denke nicht nur an den eigenen Vorteil, sondern "kann in Betracht ziehen, was aus jedermann wird".

Wie töricht der Vorwurf war, Parfit sei ein postmoderner Minenleger im Paradiesgärtlein des Humanismus, zeigte sich, als vor sechs Jahren sein 1400-seitiges Monumentalwerk On What Matters erschien. Darin wollte er den Nachweis führen, dass es nur eine einzige wahre Moraltheorie geben könne. Um seine "objektive" Theorie abzusichern, nahm Parfit den kategorischen Imperativ Kants ("Handle nur nach der Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde") und kombinierte ihn mit der Vertragstheorie von Thomas M. Scanlon und dem Konsequenzialismus des Philosophen Henry Sidgwick. Was sich wie eine klirrend abstrakte Supertheorie ausnahm, ist nichts anderes als eine handfeste Gattungsethik – eine planetarisch gültige Moral, die zwei vordringliche Ziele verfolgt: globale Gerechtigkeit und Rettung der Natur.

Dass ein eigennütziges Identitätsdenken dieser Gattungsmoral Steine in den Weg legt, stand für Parfit außer Frage. Doch dem Glauben an personale Identität abzuschwören hatte für ihn noch andere Vorzüge: Wer einmal eingesehen habe, dass es keine Kontinuität der menschlichen Erfahrung gebe, keine Sichselbstgleichheit, der müsse den Tod nicht fürchten. Denn das Subjekt, das stirbt, ist ein anderes Subjekt als jenes, das zu Lebzeiten Angst vor dem Tod hat. – Am Neujahrstag ist Derek Parfit im Alter von 75 Jahren in Oxford gestorben.