Donald Trumps Sieg hat die Studenten geschockt. Aktivisten in Harvard, an der Columbia und der City University in New York müssen die erste Entrüstung in langfristigen Protest umwandeln. Kann das gelingen?

In Filmen sehen ehemalige US-Marines anders aus als Alexander McCoy. Statt Kurzhaarschnitt und gestärktem Kragen trägt der 28-Jährige Vollbart und ein Holzfällerhemd. McCoy hat auch andere Einstellungen, als es das Klischee erwarten lassen würde. Im Studentencafé der New Yorker Columbia University spricht er erst ruhig und klar über seine Zeit bei den Elitekämpfern. Dann wendet er sich seinem neuesten Kampf zu. Einem friedlichen. Dem gegen Donald Trump, den designierten 45. Präsident der USA.

"Im Mai habe ich meine erste große Aktion gestartet", erzählt McCoy. Trump brüstete sich seinerzeit damit, über sechs Millionen Dollar Spenden für Veteranen gesammelt zu haben, doch die Washington Post fand heraus, dass nur 4,5 Millionen tatsächlich eingezahlt worden waren. Hauptgrund für die Differenz: Trump selbst hatte eine Zusage über eine Million Dollar nicht eingehalten. Als Trump dann auch noch in blumigen Worten den Veteranen für ihre Unterstützung dankte, konnte McCoy nicht mehr stillhalten: Er malte Plakate und demonstrierte mit zwei Dutzend anderer Ex-Militärs und dem Hashtag "#VetsVsHate" vor dem Trump Tower im Herzen Manhattans.

Ein Ex-Marine, der gegen den republikanischen Kandidaten demonstriert: Alexander McCoy wurde von Fernsehsender zu Fernsehsender herumgereicht. Einige konservative Blogs warfen ihm später vor, dass Hillary Clintons Wahlkampfteam ihm dabei half, seine Demonstranten zusammenzutrommeln. McCoy sagt, dass er nie für Clinton gearbeitet hat. Und dass er sich schon vorher über Trump aufregte.

"Er hat uns Soldaten als politische Requisiten benutzt und zugleich Amerikaner attackiert, die ebenso patriotisch sind, aber zufällig Latinos oder Muslime", sagt McCoy, der bis 2013 als Elitesoldat im Ausland die Botschaften der Vereinigten Staaten bewachte und an der Columbia Politikwissenschaft studiert. Der Armee fühlt Alexander McCoy sich immer noch verbunden. Dem neuen Präsidenten nicht. "Ich habe neben LGBT-Soldaten, Frauen und afrikanischen Einwanderern gedient, und Trump hat all diese Brüder und Schwestern in Uniform angegriffen."

Sein Protest hatte damals Erfolg. Eine Woche später hatte Donald Trump die zusätzliche Million aus der eigenen Tasche nachgeschossen.

"Ich habe seitdem mit Freunden in Yale gesprochen, an der Brown University, an Cornell. Und überall habe ich gesagt: Schaut, wir haben mehr Möglichkeiten, als nur den Uni-Präsidenten anzuschreien", sagt McCoy.

Wirklich?

In der Nacht des Wahlsiegs von Donald Trump brach in vielen amerikanischen Städten spontaner Protest los. Unter dem Slogan "Not my president" gingen Tausende auf die Straße, vor allem Studenten. Für die häufig liberale Studierendenschaft ist Trump der politische Antichrist. Seine rassistischen und sexistischen Ausfälle sind ein direkter Angriff auf ihr Wertesystem. Die Frage ist, ob ihre Wut weiter trägt als über die ersten Wochen nach der Wahl. Sind die Studenten durch die Wahl nachhaltig politisiert? So sehr, dass sie sich organisieren? Werden sie vielleicht sogar zum wichtigsten innenpolitischen Gegner des Präsidenten während dessen Amtszeit? Oder werden sie sich letztlich doch arrangieren?

Alexander McCoys Aktivismus hat jedenfalls seit November noch einmal eine andere Stufe erreicht. "Wir organisieren jetzt Strukturen, in denen Menschen später füreinander einstehen können. Wir versprechen einander: Wenn Trump eine Muslim-Kartei einführt, dann registrieren wir alle uns dort als Muslime. Wenn er nachts Eltern aus Latino-Familien abholen lässt, werden wir dort stehen und die Beamten blockieren." McCoy spürt an vielen Hochschulen im Land Aufbruchsstimmung: "Es hat ja immer Studentenproteste gegeben, auf den Stufen der Uni-Bibliotheken, solche Sachen. Aber das war immer exklusiv auf die Hochschulen bezogen. Jetzt erkennen die Studenten, dass sie nicht auf einer Insel leben."

Eine Einschätzung, die sich mit der Stimmung an vielen Universitäten deckt. Auch 320 Kilometer nordöstlich von New York, in Harvard.

Auf den ersten Blick wirkt die Stimmung auf dem Campus der Eliteuniversität nicht besonders aufgerüttelt. An alten Steingemäuern flattert Herbstlaub, im Coffeeshop raunzt ein Student seiner Begleitung zu, dass er das Gerede über Trump nicht mehr hören könne.

"Das täuscht", sagt Timothy McCarthy. Er ist Professor, forscht zu Protestbewegungen an Universitäten und sieht eine deutlich zunehmende Politisierung durch den Wahlkampf und den Sieg von Trump. Er zählt auf: "Wir hatten in den letzten Jahren die ›Black Lives Matter‹-Bewegung, die gegen Rassismus gekämpft hat. Wir hatten die Proteste, nachdem in Ferguson ein Polizist einen schwarzen Schüler erschossen hatte. Wir haben viele Studierende, die sich im Kampf gegen den Klimawandel engagieren. Und jetzt gibt es eine noch größere Gruppe, die vom Wahlergebnis extrem enttäuscht ist." McCarthys Fazit: "Ich habe noch nie so viele aufgewühlte Menschen erlebt." Derzeit scheine der Protest zwar zu zerfasern, aber McCarthy glaubt, dass sich das ändern werde, wenn die neue Regierung Versprechen in die Tat umsetze. "Sobald Vizepräsident Mike Pence die angekündigte Elektroschocktherapie zur Umpolung von Homosexuellen durchsetzt, Abtreibungen unter Strafe gestellt werden oder die Deportationen von Immigranten beginnen, werden sich alle engagieren."

Am anderen Ende des Campus wird das deutlich skeptischer gesehen. Dort sitzen einige Psychologie-Studenten im Kurs "Die Psychologie der politischen Linken und Rechten", auch Amit Das. Er glaubt nicht, dass irgendjemand wirklich politisiert wurde. "Viele haben einfach nur Angst", sagt Das. "Der aktuelle Aktivismus wird wieder abflauen, so wie immer. Langfristige Verbesserungen für Institutionen wie Planned Parenthood wird er nicht bringen." Planned Parenthood ist jene Organisation, die für viele ärmere Frauen in den USA kostenlose ärztliche Betreuung bereitstellt und Abtreibungen vornimmt. Ein Symbol für das liberale Amerika, das von Republikanern und dem neuen Präsidenten angefeindet wird.

Die Kommilitonen von Amit Das können Trump sogar etwas Positives abgewinnen. "Trump hat nicht dafür gesorgt, dass die Leute rassistisch werden", sagt einer, "aber er hat es endlich zum Vorschein gebracht." Ein weiterer Kursteilnehmer stimmt zu: "Ich habe lieber Leute, die offen rassistisch sind als versteckt." Sogar Amit Das kann diesem Gedanken etwas abgewinnen. "Viele haben gedacht, dass alle immer nur Fortschritt wollen. Diese Wahl hat den Leuten die Augen geöffnet."