"Sie ahnen nicht, was ich so erfahre" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Brandstädt, was hat sich für Sie zuletzt verändert?

Holger Brandstädt: Ich bin Buchhändler, und mein Laden wurde im Herbst zu einer der drei besten inhabergeführten Buchhandlungen Deutschlands gewählt. Seitdem habe ich das Gefühl, alle erwarten etwas ganz Besonderes von mir.

ZEIT: Woran merken Sie das?

Brandstädt: Neulich waren drei Frauen aus Berlin da, ich nenne sie mal Prenzlschwäbinnen, sie sind extra angereist, um die unglaublich tolle Buchhandlung da auf dem Land, in Ueckermünde, zu sehen. Das freut mich einerseits wirklich sehr, andererseits beklemmt es mich auch etwas.

ZEIT: Warum das? Können Sie den Ruhm nicht genießen?

Brandstädt: Doch, schon. Aber ich fürchte, dass die Leute von außerhalb etwas ganz anderes erwarten. Wir haben hier keinen durchgestylten, riesigen, topmodernen Laden. Wir sind in einer armen Region: in Vorpommern. Der Buchladen existiert seit 1883 – und er hat eine andere Funktion als ein Buchladen in der Stadt.

ZEIT: Warum, glauben Sie, wurden Sie ausgezeichnet?

Brandstädt: Ich war voriges Jahr schon einmal bei der Preisverleihung. Damals waren unter den Hauptgewinnern lauter tolle Kollegen – die meisten kamen eben aus den großen Städten, aus Heidelberg oder München zum Beispiel. Was fehlte, war mal ein Gewinner vom Lande, von dort, wo es wirtschaftlich wirklich schwierig ist. Wo die Welt eine andere ist als in den Innenstädten der Metropolen oder in den gentrifizierten Vierteln der Uni-Städte. Es gibt ja ohnehin neuerdings den Trend, wieder stärker auf die Provinz zu gucken. Sich zu fragen, wie gutes Zusammenleben dort funktionieren kann. Ich glaube, dass ich meinen Teil dazu beitrage.

ZEIT: Indem Sie was genau tun?

Brandstädt: Ich will nicht nur ein sogenannter Shop sein. Nein: Das hier ist ein Treffpunkt. Denn ich glaube, kaum einer braucht mehr Läden, nur um Dinge zu besorgen. Eine Stadt braucht Impulse, sie braucht Ansprechpartner – Leute, die wissen, was in der Region los ist.

ZEIT: Und so einer sind Sie?

Brandstädt: Ja, so einer bin ich. Zu meiner Buchhandlung gehört ein Raum, in dem wechselnde Ausstellungen zu sehen sind, ich organisiere Lesungen, eine Kinoreihe und gemeinsam mit einem Kulturverein namens Weitblick Konzerte im Dorfgasthof und in der Kirche. Ich mache all das, weil ich 2001, als ich hierherzog, feststellte: Es gibt viele gute Leute in Ueckermünde, aber die kennen einander nicht. Ihnen fehlt der Begegnungsort.

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ZEIT: Was hat Sie denn damals nach Ueckermünde verschlagen?

Brandstädt: Mein Vater ist hier groß geworden, meine Oma hat schon in diesem Buchladen ihre Lehre gemacht und gearbeitet, ich selber habe all meine Ferien in Ueckermünde verbracht. Gelebt habe ich viele Jahre in Berlin, aber ich wusste immer, dass die große Stadt nicht meine letzte Station sein muss. Deswegen habe ich dieses Haus gekauft und im Jahr 2001 die Buchhandlung wiederbelebt. Damals war ich mir nicht sicher, ob der Laden wirklich profitabel sein könnte. Aber zu scheitern, das wäre keine Schande, habe ich mir gedacht. Tja. Nun bin ich schon 15 Jahre da.

ZEIT: Sie haben prominente Autoren wie Christoph Hein oder Harry Rowohlt nach Ueckermünde gelockt. Wie haben Sie das gemacht?

Brandstädt: Christoph Hein kannte ich aus Berlin. Seitdem hat es so etwas wie eine Kettenreaktion gegeben: Ein Autor empfiehlt den nächsten. Marion Brasch sagte, die Judith Herrmann muss auch mal kommen. Die wiederum sagt: Das nächste Mal solltest du Gregor Sander einladen. Der stand sowieso schon lange auf meiner Liste.

ZEIT: Was machen Sie, damit es den Autoren gefällt?

Brandstädt: Im Sommer gehen wir mit den Autoren auf den Hof, ich koche was, es soll eben angenehm sein. Die letzte Bahn raus aus der Stadt fährt kurz nach neun Uhr – das heißt: Wer nicht Auto fahren will, dem bleibt nichts anderes übrig, als in Ueckermünde zu übernachten. Das entspannt die Leute unheimlich. Ich habe eine kleine Ferienwohnung über meinem Laden eingerichtet. Dort können die Autoren schlafen, ich lege ihnen Bücher auf den Nachttisch, von denen ich denke, die könnten ihnen gefallen. Das mache ich übrigens für jeden Gast, der hier schläft.

ZEIT: Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Brandstädt: Ich schaue mir an, wo der Gast herkommt, wie alt er ist – und dann habe ich schon eine erste Idee. Außerdem ist das mein Job, das mache ich den ganzen Tag: Leute kommen zu mir und fragen mich, was sie lesen könnten. Um das zu beantworten, muss ich mich mit den Kunden beschäftigen, ich muss ihnen Fragen stellen. Und Sie ahnen nicht, was ich so alles erfahre! So, wie es ein Arztgeheimnis gibt, müsste es eigentlich auch ein Buchhändlergeheimnis geben. Ich weiß, wer wohin in den Urlaub fährt, wer eine Paartherapie macht oder eine Krankheit hat.

ZEIT: Gibt es Bücher, die Sie immer und jedem empfehlen können?

Brandstädt: Eine nie vergessene Geschichte von Jan Koneffke. Das erzählt anhand einer Familie die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und ist wirklich wunderbar geschrieben.

ZEIT: Was ist Ihr meistverkauftes Buch?

Brandstädt: Das erraten Sie nie.

ZEIT: Harry Potter, Donna Leon, so was?

Brandstädt: Durch die Ueckermünder Heide, 520 Seiten, 59,85 Euro, durchgehend bebildert, hergestellt in einer regionalen Druckerei. Als das Buch 2014 herauskam, hatte es eine Auflage von 1000 Stück. Jetzt sind noch 80 Exemplare übrig, und die meisten habe ich verkauft. Die Leute interessieren sich riesig für regionale Geschichte.

ZEIT: Kann man anhand der Büchervorlieben Ihrer Kunden auch eine Stimmung im Land ablesen?

Brandstädt: Ja. Gerade werde ich oft nach politischen Büchern gefragt. Manchmal wollen Kunden auch Bücher aus dem Kopp-Verlag ...

ZEIT: ... in dem viele Rechtspopulisten publizieren. Haben Sie dessen Bücher im Sortiment?

Brandstädt: Nein, es gibt kein Regal für die rechte Ecke, bestimmt nicht. Aber ich kann solch ein Buch bestellen. Wenn es dann da ist, sage ich zu dem Kunden: Gucken Sie rein, und wenn Sie feststellen, es ist doof, dann bringen Sie es bitte wieder! Die Leute sollen sich lieber was Ordentliches raussuchen. Es gibt aber auch Werke, die verkaufe ich gar nicht. Eine Kundin wollte kürzlich ein Buch, in dem die Verschwörungstheorie verbreitet wird, dass mit Krebs das deutsche Volk ausgerottet werden solle. Da habe ich gesagt: Tut mir leid, das verkaufe ich nicht. Ich muss ja nicht alles machen, was Geld bringt. Ich stelle zum Beispiel auch keine allseits bekannten Bücher ins Schaufenster.

ZEIT: Sie verkaufen aber nicht nur Bücher.

Brandstädt: Das ist richtig. Ich biete etwa einen regionalen Tee an, Wein von einem Familienbetrieb aus dem Saale-Unstrut-Gebiet, Bilderrahmen aus Estland. Der Verkauf dieser Sachen hilft mir, die erste Jahreshälfte zu überstehen, da kommen leider wenige Kunden. Da sind wir quasi unter uns: ich, meine beiden Aushilfen und meine beiden Katzen. Ab Sommer reisen dann Touristen in die Region.

ZEIT: Wie viele Bücher lesen Sie eigentlich?

Brandstädt: Manche haben die Vorstellung, dass ein Buchhändler alle Werke in seinem Laden gelesen hat. Das ist nicht so. Ich komme im halben Jahr auf sechs bis acht Bücher, mehr sind es nicht. Und wenn ich das jetzt hier öffentlich sage, werden sich viele meiner Kollegen freuen und denken: Endlich sagt’s mal einer. Dafür lese ich unglaublich viel Fachpresse und Rezensionen.

ZEIT: Viele lassen sich Bücher von großen Internethändlern nach Hause schicken. Ärgert Sie das?

Brandstädt: Nein. Ich finde es vielleicht schade, wenn ich sehe, wie vollgepackt die Postautos sind. Aber deswegen mache ich das Internet nicht als Feindbild aus. Und deswegen werde ich auch keinen Zettel ins Schaufenster hängen und diejenigen anfeinden, die lieber online bestellen. Niemand soll mit einem Schuldgefühl zu mir kommen. Aber natürlich wäre es für mich schöner, wenn die Bestellung, statt bei Amazon, in meinem eigenen Internetshop landet, den ich eingerichtet habe.

ZEIT: Haben Sie auch schon bei Amazon bestellt?

Brandstädt: Klar, wenn ich ein antiquarisches Buch nirgends sonst finde, bestelle ich dort. Ich umarme den, den ich nicht besiegen kann. So einfach ist das.