DIE ZEIT: Herr Brandstädt, was hat sich für Sie zuletzt verändert?

Holger Brandstädt: Ich bin Buchhändler, und mein Laden wurde im Herbst zu einer der drei besten inhabergeführten Buchhandlungen Deutschlands gewählt. Seitdem habe ich das Gefühl, alle erwarten etwas ganz Besonderes von mir.

ZEIT: Woran merken Sie das?

Brandstädt: Neulich waren drei Frauen aus Berlin da, ich nenne sie mal Prenzlschwäbinnen, sie sind extra angereist, um die unglaublich tolle Buchhandlung da auf dem Land, in Ueckermünde, zu sehen. Das freut mich einerseits wirklich sehr, andererseits beklemmt es mich auch etwas.

ZEIT: Warum das? Können Sie den Ruhm nicht genießen?

Brandstädt: Doch, schon. Aber ich fürchte, dass die Leute von außerhalb etwas ganz anderes erwarten. Wir haben hier keinen durchgestylten, riesigen, topmodernen Laden. Wir sind in einer armen Region: in Vorpommern. Der Buchladen existiert seit 1883 – und er hat eine andere Funktion als ein Buchladen in der Stadt.

ZEIT: Warum, glauben Sie, wurden Sie ausgezeichnet?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 2 vom 5.1.2017.

Brandstädt: Ich war voriges Jahr schon einmal bei der Preisverleihung. Damals waren unter den Hauptgewinnern lauter tolle Kollegen – die meisten kamen eben aus den großen Städten, aus Heidelberg oder München zum Beispiel. Was fehlte, war mal ein Gewinner vom Lande, von dort, wo es wirtschaftlich wirklich schwierig ist. Wo die Welt eine andere ist als in den Innenstädten der Metropolen oder in den gentrifizierten Vierteln der Uni-Städte. Es gibt ja ohnehin neuerdings den Trend, wieder stärker auf die Provinz zu gucken. Sich zu fragen, wie gutes Zusammenleben dort funktionieren kann. Ich glaube, dass ich meinen Teil dazu beitrage.

ZEIT: Indem Sie was genau tun?

Brandstädt: Ich will nicht nur ein sogenannter Shop sein. Nein: Das hier ist ein Treffpunkt. Denn ich glaube, kaum einer braucht mehr Läden, nur um Dinge zu besorgen. Eine Stadt braucht Impulse, sie braucht Ansprechpartner – Leute, die wissen, was in der Region los ist.

ZEIT: Und so einer sind Sie?

Brandstädt: Ja, so einer bin ich. Zu meiner Buchhandlung gehört ein Raum, in dem wechselnde Ausstellungen zu sehen sind, ich organisiere Lesungen, eine Kinoreihe und gemeinsam mit einem Kulturverein namens Weitblick Konzerte im Dorfgasthof und in der Kirche. Ich mache all das, weil ich 2001, als ich hierherzog, feststellte: Es gibt viele gute Leute in Ueckermünde, aber die kennen einander nicht. Ihnen fehlt der Begegnungsort.