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Plötzlich interessierte sich die ganze Welt für sie, eine Unbekannte. Tausendfach wurde ihr Foto auf Facebook geteilt, Medien schalteten Suchanzeigen: Wer ist die Frau auf diesem Foto? Auf diese Frau – so ist es auf dem Bild zu erkennen – stürmen Polizisten zu, die aussehen wie hochgerüstete Soldaten aus einem apokalyptischen Film. Die Frau trägt bloß ein Sommerkleid, Spaghettiträger, den Rücken frei, dazu Ballerinas. Ganz ruhig steht sie da, die Füße fest auf dem Boden des Airline Highway der Stadt Baton Rouge in den USA. Ihr Kleid tanzt im Wind.

"Sie sieht aus wie eine Superheldin", schreibt eine Frau unter das Foto auf Facebook.

"Sie ist die Definition von Mut", meint eine andere.

"Sie sieht aus wie eine Königin", findet ein Mann. "Ich liebe dieses Bild. Keine Gewalt, keine Wut, nur das Wissen um moralische Überlegenheit."

Das Foto zeigt Ieshia Evans, eine 28-jährige New Yorker Krankenschwester, die sich an diesem Julitag auf den Weg in den US-Bundesstaat Louisiana gemacht hat, um der Polizeigewalt gegen Schwarze öffentlich entgegenzutreten. Zuvor haben weiße Polizisten den Afroamerikaner Alton Sterling aus kurzer Distanz erschossen und damit die "Black Lives Matter"-Bewegung neu entfacht. Es ist Ieshias erste Demonstration, sie ist keine bekannte Aktivistin. Dennoch gilt ihr Foto, als es in sozialen Medien und Zeitungen veröffentlicht wird, sofort als ikonisch.

Warum sehen Betrachter dieses Fotos eine Heldin in ihr? Warum, unter den mehr als 100 Demonstranten, die an diesem Tag festgenommen wurden, ausgerechnet Ieshia Evans? Es gibt Fotos, die einen besonderen Moment, ein besonderes Gefühl definieren und sich damit im Gedächtnis der Menschen festsetzen. Eine Rolle spielt auch die perfekte Inszenierung einer stolzen, souveränen und starken Frau innerhalb einer Community, die sich noch immer unzureichend dargestellt sieht. Aber erklärt es das?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Manchen Betrachtern fiel die Ähnlichkeit zwischen Ieshia Evans und Tess Asplund auf, einer jungen schwarzen Frau, 1,63 Meter klein und 50 Kilo leicht, die sich im Mai 2016 ganz allein einem Marsch von 300 Neonazis in der schwedischen Stadt Borlänge in den Weg stellte. "Einer von denen starrte mich an, und ich starrte zurück", sagte sie danach. Auch sie stand einfach da, ruhig wie ein Monolith, und die Welt bewunderte sie für ihren Mut. Tausende Menschen teilten das Foto von Asplund, unter ihnen Prominente wie die Schriftstellerin Joanne K. Rowling. "Schaut, was diese Frau getan hat", schrieb sie auf Twitter. Vorauseilend wurde es als "Bild des Jahres" gefeiert.

Ähnlich war es mit Ceyda Sungur, der Frau im roten Kleid vom Taksim-Platz, deren Bild vor drei Jahren zum Sinnbild der Proteste in Istanbul wurde. Und so fragten sich auch damals viele: Wer ist diese Frau? Das Bild aus Istanbul zeigt die bis dahin unbekannte Wissenschaftlerin in einem wehenden Kleid, während sich andere Demonstranten die Gesichter mit Frischhaltefolie umwickelten. Einige von ihnen trugen Atemmasken und Helme, um sich damit vor den Gaspatronen und Gummigeschossen der Polizei zu schützen. Auf dem Foto weht Sungurs dunkles Haar im Sturmwind der Reizgaswolke, als einer der Polizisten sie aus nächster Nähe mit Tränengas besprüht. Das Foto von Sungur wurde via Facebook und Twitter auf der ganzen Welt verbreitet – #womaninred. Die Frau in Rot war nun ein globales Ereignis. Eine Bilderflut als Sympathiewelle. Frauen kamen in roten Kleidern ins italienische Parlament oder zu Solidaritätskundgebungen in Deutschland. Sungurs Konterfei fand sich auf Billboards und Graffiti in ganz Istanbul. Es wurde sogar auf einem lebensgroßen Transparent in Izmir ausgedruckt. Der Kopf wurde ausgeschnitten, sodass ein jeder den eigenen Kopf für ein Foto hineinstecken konnte – um so selbst zum Vorbild zu werden.