Der Mann, der im Alter von 34 Jahren schon an seinem Comeback arbeitet, dreht den Autoschlüssel im Zündloch, aber es bewegt sich nichts. Johannes Vogel, Daunenjacke, grauer Anzug, sehr kurze Haare, sitzt hinter dem Steuer eines Carsharing-Autos. Er versucht es ein zweites Mal. Und ein drittes. Eben hat er in Berlin-Kreuzberg mit FDP-Chef Christian Lindner eine Werbeagentur besucht, jetzt will er möglichst schnell zu einem Empfang. Nebenher versucht er noch zu erklären, wie die Chancen für eine Jamaika-Koalition stehen: Die Grünen hätten mehr Lust auf das Regieren mit der CDU als die FDP, sagt er. Vierter Versuch. Nun klappt es doch noch mit dem Schlüssel. Der Wagen rollt.

Johannes Vogel ist FDP-Generalsekretär und Wahlkampfmanager in Nordrhein-Westfalen. Außerdem bewirbt er sich um einen Sitz im Bundestag, dem er zwischen 2009 und 2013 schon einmal angehörte. Er war damals einer der Jüngsten in Parlament. Mit 27 wurde er Abgeordneter und Sprecher für Arbeitsmarktpolitik, mit 31 musste er schon wieder aufhören. Er hat aber die Agentur für Arbeit so gut kennengelernt, dass deren Chef, Frank-Jürgen Weise, ihm erst die Leitung einer Strategieabteilung und später die Geschäftsführung einer Arbeitsagentur mit dreihundert Mitarbeitern vorschlägt. Vogel sagt zu.

Früher kamen Menschen zur FDP, die an die Macht wollten, heute eher Idealisten

Erst jetzt, zu Beginn des Wahljahres, hat er sich beurlauben lassen und arbeitet nun ausschließlich für die Partei. Wer mit ihm unterwegs ist, erfährt nicht nur, wie die FDP sich für das Jahr rüstet, das Lindner wegen der Wahlen in Nordrhein-Westfalen und Bund das "wichtigste in ihrer Geschichte" nennt. Man versteht, warum ein junger Liberaler ausgerechnet in einer Behörde für Arbeitslose Karriere machen will, und es wird deutlich, wie mühsam die Arbeit in der "Apo" ist, der "außerparlamentarischen Opposition": Carsharing statt Dienstlimousine, Programmarbeit am Wochenende – und kein Mensch guckt. Früher gingen Menschen zu den Liberalen, die im Fahrstuhl an die Macht gelangen wollten. Heute ist FDP-Parteiarbeit, gerade auf Landesebene, eher eine Aufgabe für Idealisten. Warum tut Vogel sich das an? Warum ist er nicht in die Wirtschaft gewechselt, wie so viele seiner Parteifreunde (siehe Kasten)?

Nach dem abrupten Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag im Herbst 2013 quartiert sich Vogel erst mal bei einem guten Freund in Peking ein. Morgens lernt er mit einem Privatlehrer Chinesisch, nachmittags studiert er die DVD-Sammlung seines Kumpels, schaut Homeland und Borgen. Abends gehen die Freunde aus. Vogel ist beeindruckt von der wirtschaftlichen Dynamik im Land und ernüchtert von der staatlichen Kontrolle der sozialen Medien. Über Facebook kann er nur manchmal kommunizieren, mit einer Spezialsoftware gegen staatliche Internetblockaden. Als Vogel zurück nach Deutschland reist, ist er sicherer denn je, dass er Politik machen und seine Partei stärken will, weil sie für wirtschaftliche und für gesellschaftliche Freiheit kämpft. Die weltweite Bedrohung des Liberalismus ist schließlich noch etwas bedrohlicher als die Existenznöte der FDP. Als ihm das Amt des NRW-Generalsekretärs angeboten wird, sagt er sofort zu.

Vogel ist der Mann hinter und neben Parteichef Christian Lindner. Die beiden kennen sich, seit sie das gleiche Gymnasium in Wermelskirchen bei Köln besuchten. Als Vogel 16 ist, holt Lindner den drei Jahre jüngeren Parteifreund persönlich im Auto zu dessen erster FDP-Kreisverbandssitzung ab. Vogel hat schon zwei Jahre bei der Grünen Jugend hinter sich. Aber ihn stört, wie dort über Unternehmer und Manager gesprochen wird, er hat ein positiveres Bild. Sein Großvater hat in den Nachkriegsjahren den Einzelhandelskonzern Metro mit aufgebaut, der Vater arbeitet beim Chemieriesen Bayer. Das prägt. Als Lindner mit 21 in den Landtag gewählt wird, jobbt Vogel in dessen Parlamentsbüro.

Lindners Blitzkarriere und die ersten eigenen politischen Erfolgserlebnisse bestärken ihn im Glauben, auch als sehr junger Politiker etwas bewegen zu können. Schließlich hat schon sein erster kleiner Vorstoß in Wermelskirchen Erfolg: Mit Gleichaltrigen setzt er sich dafür ein, dass regelmäßig ein Nachtbus nach Köln fährt – was junge Männer ohne Führerschein sich eben so wünschen. Mit 22 wird Vogel Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen.

Lindner und Vogel teilen bis heute fast alle politischen Vorstellungen

Lindner und Vogel teilen bis heute fast alle politischen Vorstellungen, haben aber ein unterschiedliches Naturell. Lindner polarisiert und provoziert gern, für eine gute Pointe überzieht er auch schon mal. Vogel ist stets sehr verbindlich, höflich, wohltemperiert. Er hat die Aura eines Klassenneulings, den man erst der Streberhaftigkeit verdächtigt, um dann festzustellen, dass er gute Noten hat, aber abschreiben lässt. Während Lindner mühelos große Säle rockt, überzeugt Vogel eher im Gespräch.

Obwohl beide nur drei Jahre trennen, sieht sich Vogel als Vertreter einer anderen, jüngeren Generation. Das erste prägende politische Großereignis war für ihn der Völkermord in Ruanda und die Hilflosigkeit des Westens. An den Mauerfall kann sich der 1982 Geborene, anders als Lindner, nicht erinnern. Lindner, der stärker in die Landespolitik einstieg, hat die brutalen Machtkämpfe zwischen den Spitzenmännern Guido Westerwelle und Jürgen Möllemann noch aus der Nähe miterlebt. Vogel arbeitete in sicherem Abstand und war mit beiden per Sie. Auf FDP-Parteitagen, er war damals Juli-Chef, kritisierte er Westerwelle für seine klientelistische Steuerpolitik.

Später stand er gemeinsam mit Lindner und anderen für eine FDP, die sich stärker für soziale Fragen interessiert, dabei allerdings eher über Chancen- als über Verteilungsgerechtigkeit spricht. "Säuselliberalismus" nannten das verächtlich einige der Älteren. Doch seit Lindner Parteichef ist, ist das keine Minderheitenmeinung mehr, sondern Parteilinie. So liest sich auch das von Lindner und Vogel verantwortete neue NRW-Parteiprogramm. Allerdings muss die FDP noch beweisen, dass ihr Geld für Schulen oder Erzieher genauso wichtig ist wie Steuersenkungen.

Vogel fängt bei einer Behörde an, die seine Partei schon mal abschaffen wollte

Wuppertal. Zwei Tage vor Weihnachten betritt Vogel die Arbeitsagentur, die er geleitet hat. Er hat seinen Schreibtisch schon leer geräumt, schaut nur kurz vorbei. Und wird mit einer Herzlichkeit empfangen, die sich nicht inszenieren lässt. Die Gleichstellungsbeauftragte fällt ihm fast um den Hals, als Vogel sich in der Kantine ein Brötchen holt. Sein Co-Geschäftsführer will ihn gar nicht wieder gehen lassen.

Dabei wollte die FDP die Bundesagentur für Arbeit sogar einmal abschaffen. Der frühere FDP-Generalsekretär Dirk Niebel forderte das während der rot-grünen Regierungsjahre. So weit ging Vogel nie. Aber auch er hat in Wuppertal vorgeschlagen, woran sich bis dahin keiner herangetraut hatte: längere Öffnungszeiten. Da sehe der Personalrat schnell rot, das sei nicht realistisch, sagte Vogels Co-Manager. Am Ende scheitert der Versuch.

Als Quereinsteiger in der Arbeitsbehörde habe er sich zwischen zwei Perspektiven bewegt, sagt Vogel: Wow, ich arbeite bei der coolsten Behörde Deutschlands, habe er oft gedacht. Akten werden elektronisch angelegt, das Gehalt vieler Manager hängt davon ab, welche Ziele sie erreichen. Führungskräfte wechseln regelmäßig ihre Aufgaben. So wünsche sich die FDP mehr staatliche Ämter. Dann wieder habe er gedacht: Uff, trotz allem arbeite ich in einer Behörde. Vieles dauert, vieles geht nicht. Vogel ist typisch für eine FDP, die längst anders als früher auf den Staat schaut: Er soll effizienter, aber nicht unbedingt kleiner werden. Die Liberalen fordern mehr Stellen für Polizisten, mehr Geld für Straßen und Schulen.

Die FDP braucht alle Unterstützer, auch die onkelhaften

Ende Dezember feiert die FDP den 80. Geburtstag des Ex-Außenministers Klaus Kinkel. Stehtische, Buffet, Gesichter aus der Bonner Republik, Wolfgang Schäuble erzählt Anekdoten. Vogel plaudert mit dem früheren Gesundheitsminister Daniel Bahr, als sich ein weißhaariger Mann mit Brille nähert und den Generalsekretär lobt: Bodenständig, klug und tüchtig sei er. In Nordrhein-Westfalen habe er großartige Veranstaltungen organisiert. Aus ihm werde bestimmt noch was. Es handelt sich, wie sich später herausstellt, um einen Vertreter der Automaten-Industrie.

Die beiden Mittdreißiger ringen sich artig ein Lächeln ab, sie sind zu höflich, um zu sagen, dass sie keine Talente mehr sind, keine Nachwuchskräfte. Bahr gehört mittlerweile zum Vorstand der Allianz. Die beiden sind Profi genug, um zu wissen, dass die FDP all ihre Unterstützer braucht, auch die onkelhaften. In Umfragen liegt die Partei bei etwa sechs Prozent.

In Berlin, wo die FDP bei der Landtagswahl wieder ins Abgeordnetenhaus gelangte, punkteten die Liberalen mit dem jungen Spitzenkandidaten Sebastian Czaja, mit neuen Slogans und Plakaten. Doch am Ende zog nichts so sehr wie das Versprechen, den Flughafen Tegel offen zu halten. Ein Symbol für das alte, kleine, überschaubare Westberlin.

Nostalgie aber passt weder zu Lindner noch zu Johannes Vogel. Nie würden sie in der FDP einen Wahlkampf planen nach dem Motto "Rettet unsere Partei". Dafür ist die Partei zu stolz, auch der offensiv zur Schau gestellte Optimismus verträgt sich mit so einer Tonlage nicht. Einen Wahlkampf, der die AfD an Lautstärke überbietet, soll es aber ebenfalls nicht geben. "Wir haben allen Versuchungen widerstanden, Ansehen dem Aufsehen zu opfern", behauptet Parteichef Lindner.

Es gibt aber noch ein ganz spezielles Problem: Kehrt die FDP in den Bundestag zurück, würde Deutschland vermutlich wieder von einer großen Koalition regiert. Für ein schwarz-grünes oder ein rot-rot-grünes Bündnis würde es rechnerisch wohl kaum reichen. Lindner wählen – das hieße, Merkel zu bekommen. Ob liberal denkenden Wählern das gefallen wird? Sie würden eine Koalition im Amt bestätigen, die ihre Partei hart kritisiert.

Johannes Vogel lässt sich auf solche Gedankenspiele nicht ein. Als er noch Chef der Jungen Liberalen war, habe er oft Fragen nach Dreierbündnissen beantworten müssen, sagt er. Dann sei die schwarz-gelbe Koalition ins Amt gewählt worden. Auch als Oppositionspartei sei die FDP wichtig. Momentan werde die Regierung im Bundestag ja immer nur von einer Seite kritisiert: von links.

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