Der Mann war seiner Zeit weit voraus: Als Stanley Kubricks Weltraumklassiker 2001 – Odyssee im Weltraum 1968 in die Kinos kam, war die vorausschauende Wartung von Maschinen noch Science-Fiction. Doch bei Kubrick ist sie schon die Schlüsselszene: HAL 9000, der angeblich unfehlbare Supercomputer, an Bord eines Raumschiffs, prognostiziert einen technischen Fehler, der den Funkkontakt zur Erde stilllegen könnte. Das betreffende Modul, meldet HAL, werde bald ausfallen. Die beiden Astronauten tauschen das Teil aus, stellen aber fest, dass die Warnung unbegründet war. Hat sich der Computer geirrt? Oder verfolgt er eigene Ziele?

Heute ist die vorausschauende Wartung, die auch predictive maintenance genannt wird, Realität. Es geht darum, Maschinen oder ihre Bauteile mittels hochempfindlicher Sensoren aus der Ferne zu überwachen, die Datenströme mithilfe riesiger Datenbanken und immer intelligenterer Software zentral auszuwerten und ihnen Informationen darüber zu entlocken, ob sich irgendwo eine Fehlfunktion anbahnt. Dann kann ein Techniker eingreifen, lange bevor der Ernstfall eintritt.

Für die Kunden des Coburger Kompressorenherstellers Kaeser hat so ein Service große Vorteile, denn Druckluft ist in der Industrie beinahe so unentbehrlich wie Strom. Jeder Ausfall schlägt unmittelbar auf die Produktion durch, kostet Geld und Nerven. Fast in jedem produzierenden Betrieb, selbst im Krankenhaus und beim Zahnarzt, verrichten, leise surrend, hochmoderne Kompressoren ihren Dienst. Komprimierte Luft jeder Stärke und Qualität treibt Zahnarztbohrer an, sorgt für die Beatmung von Patienten auf der Intensivstation, setzt Lackiermaschinen in der Autoindustrie unter Druck, bläst Kunststoffrohlinge zu Plastikflaschen auf, belüftet Klärbecken, reinigt Rohrsysteme oder legt zum Schutz von Meeressäugern einen "Blasenschleier" um die unterseeischen Baustellen von Windkraftwerken.

Kaesers Erfolg beruht daher zu einem großen Teil auch darauf, dass das Unternehmen sicherstellen kann, dass es zu keinen unkalkulierbaren Ausfällen der Kompressoren kommt. Und dafür sorgt die vorausschauende Wartung.

Das Beispiel zeigt, wie sich ein Mittelständler das Internet der Dinge zu eigen machen kann. Es geht darum, dass Sensoren Unmengen von Daten sammeln, und Kaeser so viel mehr über den Zustand seiner Produkte weiß als noch vor wenigen Jahren. Voraussetzung dafür sind Datenbanken, schnelle und leistungsfähige Datenleitungen und ein unerschöpflicher Vorrat an sogenannten IP-Adressen, mit denen jedes Objekt im Internet identifizierbar wird und einzeln angesteuert oder abgefragt werden kann.

Bei Kaeser ist jeder ausgelieferte Kompressor – es sei denn, der Kunde lehnt das ab – über die im eigenen Haus entwickelte digitale Steuerungseinheit Sigma Air Control und das Internet mit der Coburger Zentrale verbunden. Alle Daten laufen in Echtzeit auf Dutzenden Monitoren in einem rund um die Uhr besetzten Kontrollraum zusammen. Je mehr Anlagen in diesem weltumspannenden Netz miteinander interagieren, je größer der Datenschatz wird, desto besser der Service, dessen wichtigstes Ziel es ist, Ausfallzeiten so gering wie möglich zu halten. Im Grunde genommen macht Kaeser nichts anderes als die Webgiganten Google oder Facebook: Daten sammeln und auswerten.

Kaeser ist ein klassischer deutscher Mittelständler. Solide, traditionsbewusst, aktiv auf allen Weltmärkten: 5.500 Mitarbeiter an zwei Standorten in Deutschland, 800 Millionen Euro Umsatz, 70 Prozent Exportanteil, Niederlassungen in mehr als fünfzig Ländern. Das 1919 gegründete Unternehmen firmiert heute als europäische Aktiengesellschaft, die Anteile gehören der Familie Kaeser. In jedem Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg sei das Unternehmen gewachsen, sagt Firmenchef Thomas Kaeser. Nur 2009, im Jahr der weltweiten Wirtschaftskrise, habe es eine Delle gegeben. Die war mit 30 Prozent Umsatzverlust allerdings groß.

Die konsequente Ausrichtung auf digitale Dienstleistungen soll die Zukunft des Unternehmens sichern. "Wir haben Industrie 4.0 schon praktiziert, als es sie noch gar nicht gab", sagt Kaeser mit scherzhaftem Unterton. Er spielt damit auf den Modebegriff an, der seit einigen Jahren die Verzahnung von Produktion und Internet beschreibt. Kaeser hingegen begann schon 1997, seine Kompressoren mit Computern auszustatten, die zunächst nur die Steuerung der Maschine übernahmen und eine Schnittstelle nach außen boten. "Jetzt brauchen wir die Geräte nur noch zu vernetzen, um unseren Kunden ganz neue Dienstleistungen anbieten zu können", sagt der Chef.