Die Prognosen waren mutig. Im Spätherbst 2015 – die sogenannte Flüchtlingskrise strebte gerade ihrem politischen und debattösen Höhepunkt entgegen – hieß es: Die leibhaftige Anwesenheit von so vielen Entwurzelten, Vertriebenen, offenkundig Not leidenden Menschen im öffentlichen Raum würde auch die Kunst verändern, würde die Rituale unserer ästhetischen Weltbetrachtung hinterfragen, ja über kurz oder lang revolutionieren. Auf den ersten Blick hat diese Revolution wohl stattgefunden: Die Kriege in Syrien und Afghanistan, der Terror, der nicht erst seit Berlin in Deutschland wurzelt, der globale Ruck nach rechts, das Ringen um Europa – all das hat die Kunst verändert. Und zwar ähnlich rasant, wie sich Hunderttausende Geflüchtete auf europäischen Marktplätzen und in deutschen Turnhallen sammelten. Nur: Verändert sich die Kunst radikal genug, um ihrer Rolle weiter gerecht zu werden?

Mit der Schnelligkeit des Lebens konnte die Kunst noch nie mithalten. Mit seiner Dringlichkeit erst recht nicht. Was ist, flapsig gefragt, ein perfekt gesungenes hohes C gegen die Pflegereform? Kunst dauert, Kunst braucht Zeit, Durchdringung, Tiefgang. Bis große Katastrophen (man denke an die beiden Weltkriege) oder historische Zäsuren (das "Ende der Geschichte" 1989) ihren ästhetischen Niederschlag finden, können Jahrzehnte vergehen. Jahrzehnte, in denen sich knarrend die Gewichte verschieben und wenig bis gar nichts mehr zusammenpasst. In eine solche Ära hat uns der 11. September 2001 katapultiert. Seither wächst das Unvermögen gerade der traditionellen Künste, der Welt zu begegnen, und es wächst der Druck, unter dem sich die politische Realität wandelt. Diese Diskrepanz schmerzt, sie bringt Verlustängste und viele Sentimentalitäten mit sich.

Eine verheerende Folge dieser Entwicklung ist: Fast alles handelt heute vom Politischen und fast nichts mehr vom Ästhetischen. Das gilt für die Debatten in den Feuilletons genauso wie für die Themen, mit denen sich TV-Formate wie Aspekte im ZDF oder Kulturzeit auf 3sat zu behaupten versuchen. Und für viele Kunstwerke selbst gilt es auch. Walter Benjamins Rede von der "Ästhetisierung der Politik" (im Faschismus) und der "Politisierung der Ästhetik" (im Kommunismus) steht entsprechend hoch im Kurs – und mit ihr die Frage, ob die Rolle der Kunst in der Gesellschaft nicht ebenso grundsätzlich überdacht werden müsse, wie sie in den 1930er und 1960er Jahren neu überdacht wurde.

Doch während die Weltordnung damals auf klaren Feindbildern und gültigen ästhetischen Idealen fußte, kämpfen wir heute mit Auflösungserscheinungen. Noch nie gab es so viele mediokre und gleichgesichtige künstlerische Erzeugnisse wie heute. Noch nie wussten so wenige Menschen gute von schlechter Kunst, bessere von schlechteren Künstlern zu unterscheiden. Ein seriös begründetes Urteil leistet sich kaum jemand mehr. Vielfalt und Authentizität lauten die Zauberworte – oder noch besser, weil noch duldsamer: diversity.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Romane von Boualem Sansal oder Michel Houellebecq (samt ihrer islamkritischen Prophetien) belegen das so gut wie Kuschelflüchtlingsfilme mit Senta Berger oder die kruden Aktionen des Zentrums für politische Schönheit. Hauptsache, die Kunst hält dem Echten den Steigbügel, der Rest versteht sich dann schon von selbst. Der Roman als Roman, der Film als Film ist nicht weiter von Interesse. Die Dialektik der Vermittlung hat ausgedient.

Es mag trösten, dass die Fortschritte beim Steigbügelhalten genrespezifisch unterschiedlich ausfallen. Die bildende Kunst hat hier zweifellos die Nase vorn. Indem sie die Welt nicht mehr thematisiert, sondern mit dem Geld fraternisiert, tritt sie in die nächste Umlaufbahn der Verdrängung des Künstlerischen durch das Unkünstlerische ein. Aus dem Spiel mit den Märkten wird der Deal mit den Märkten. So weit sind die (subventionierten) Theater noch nicht. Sie üben sich in postdramatischer Recherche und läuten so unverdrossen wie performativ die Sturmglocke der Selbstabschaffung.