Der Mann ist nervös. Bevor er an der Tür seiner Angebeteten klingelt, sprüht er sich einen kräftigen Stoß Mundspray in den Rachen. "Vorsicht, Casanova!", "Das hier ist kein Date!", derartige Dinge wird ihm seine Rendezvous-Lady, eine junge Dame mit strengem Pferdeschwanz und lachsfarbener Seidenbluse, gleich an den Kopf werfen. "Mrs. Besserwisserin, du bist echt die typische Klassenbeste", wird er sie danach necken. "Uh-uh-uh", singt romantisch ein Chor, ganz so, als könne der Soundtrack die Zuschauer beruhigen, dass das anstrengende Vorspiel doch noch sein natürliches Ende finden wird.

An sich ist der Kinofilm My First Lady nichts als eine Schmonzette. Und doch wirkt der Film, der sich vorstellt, wie das erste Date der Obamas abgelaufen sein könnte, wie ein Angriff auf etwas ganz Privates. So, will man den Machern aufgebracht zurufen, werden Michelle und Barack bei ihrer ersten Verabredung ja wohl garantiert nicht miteinander gesprochen haben!

Andererseits: Weiß man’s?

Das Gefühl der Kränkung, das My First Lady auslöst, liegt genau darin: Wir Zuschauer wissen es nicht. Wir wissen gar nichts über das wahre Wesen prominenter Paare. Sie sind uns, der verzückten Weltöffentlichkeit, zu Vorbildern geworden, aber wir können über sie nur spekulieren. "Vorsicht, Casanova"? Niemand kann beweisen, dass es nicht so war.

September 2016. Die Schauspielerin Angelina Jolie reicht in Los Angeles die Scheidung von ihrem Mann Brad Pitt ein. Dieses Mal sind es keine Regisseure und Produzenten, die an dem Bild, das die Welt in ihren Köpfen hat, rütteln. Es sind die Akteure selbst, sie allein entscheiden, dass Schluss sein soll. Nie mehr: Hand um Hüfte auf rotem Teppich. Nie mehr: privat, inmitten der sechs Kinder. "Brangelina", der so vertraute Menschenklumpen – ein attraktiver Mann und eine hübsche Frau, behangen mit Kindern aus allen Kontinenten dieser Erde, noch mehr von ihnen an jeder Hand –, wird sich in seine Einzelteile auflösen. Und das Schlimmste: Das Publikum ist vorher nicht gefragt worden.

Geantwortet hat es trotzdem. Millionen Menschen schrieben sich im vergangenen Herbst auf Twitter und Facebook von der Seele, was diese Trennung mit ihnen machte. Für viele war es das Ende der Liebe schlechthin, andere glaubten gleich ihren Lebenssinn verloren. Bemerkenswert an den apokalyptischen Trauerbekundungen war, dass das Mitleid selten den Scheidenden, sondern meist sich selbst galt. "Wie soll ich heute zur Arbeit gehen?", "Ich hätte wirklich nie gedacht, dass dieser Tag kommen würde", "Wenn Brad Pitt und Angelina Jolie sich wirklich scheiden lassen, gibt es auch für uns alle definitiv keine Hoffnung mehr". 2016, so hieß es bald, würde nicht nur als das Jahr von Trumps Wahlsieg in die Geschichte eingehen. Nicht nur als das Jahr des Brexits, das Jahr von Aleppo – sondern auch als das Jahr vom Ende Brangelinas.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Wie kann das sein? Und hatte Brangelina denn wirklich kein Recht, sich zu trennen? Gehört es zur unausgesprochen vereinbarten Serviceleistung zwischen prominenten Paaren und ihren Anhängern, dass die einen die anderen mit Beweisen ihres Liebesglücks zu versorgen haben?

Die Vorstellung, dass es gar nicht die Paare als solche sind, die geliebt werden, sondern nur ihre Bilder, hat etwas Unheimliches. Beten wir Gespenster an? Theoretisch hätte es einen wirklich mit Michelle liierten Barack und einen wirklich in Angelina verliebten Brad nie geben müssen. Inszenierte Aufnahmen hätten genügt, um die Zuschauer in Wallung zu versetzen.

Ein weiteres Pärchen hat auf dieser Idee eine ganze Karriere gebaut. Für alle, die das Noch-Ehepaar Sarah und Pietro Lombardi nicht kennen: Gewinner der Casting-Show Deutschland sucht den Superstar, Darsteller der RTL-2-Reality-Formate Sarah und Pietro bauen ein Haus, Sarah und Pietro bekommen ein Baby, Sarah und Pietro im Wohnmobil durch Italien.

Wie viel wirkliches Leben steckt in der Liebe, die von Anfang an durch Kamerateams begleitet wurde? Was ist dran an den manischen "Schatz, ich liebe dich, Schatz"-Bekundungen der 24-Jährigen? Für den Erfolg ist das unerheblich. Über eine Million Fans in Deutschland folgten dem Paar Woche für Woche vor dem Fernseher. Und sie fieberten auch mit, als der Sender nach Bekanntwerden eines Seitensprungs von Sarah die Trennungsepisode Sarah und Pietro – Die ganze Wahrheit brachte.