Miteinander und Kalter Krieg

Stellen Sie sich vor, jedes Jahr würde ausgelost, wer die Neujahrsansprache halten darf, und Sie wären am Zug. Was würden Sie sagen? Was sagt man Zukunftsweisendes nach einem Jahr, das als Symbol gilt für das Ende der Welt, wie wir sie kannten? Angela Merkel hat sich entschieden für eine christlich-präsidiale Sprache des Miteinanders mit einem Hauch von Kaltem Krieg. Für Merkel eher untypisch, ist es eine Rede der schweren Worte, die nicht mehr nur ein "Wir schaffen das" beschwört, sondern auch ein "Wir gegen die". Und so spricht sie über die Widerwärtigkeit des islamistischen Terrorismus, der uns 2016 als "schwerste Prüfung" die eigene Verletzbarkeit vor Augen geführt hat. Doch Merkels Antwort darauf ist keine Angst-Rhetorik, sondern das Pathos des "wir" und der Zuversicht, das Mitgefühl mit den Geflüchteten ebenso wie der merkelsche Glaube an die Zuverlässigkeit der sozialen Marktwirtschaft und die Sicherheit eines starken Staates. Besonders interessant ist ihr Appell an eine streitbare Demokratie. Mit Blick auf das Wahljahr präsentiert sich Merkel als Kandidatin, deren Strategie Systemerhaltung durch Mobilisierung lautet. Ihre Ansprache ist eine wertkonservative, die alle mitnehmen soll: die Verunsicherten und die mürrisch Indifferenten; die Konservativen ebenso wie all jene Linken, die in Zeiten des Rechtspopulismus plötzlich ihre Liebe zum System entdecken. Auch deswegen das Pathos. Darunter aber liegt die harte Realität einer verschärften Asylpolitik.

Makkaroniauflauf und auch mal Mozart

Wir alle brauchen Rituale. Bei mir ist eins der Makkaroniauflauf an Heiligabend. Die Neujahrsansprache der Kanzler(in) gehörte bislang nicht in die Kategorie Makkaroniauflauf. Diese erwartbaren fünf TV-Minuten sah ich in all den Jahrzehnten nur sporadisch, Kohls Dublette wäre mir, hätte ich sie gesehen, als eine solche bestimmt nicht aufgefallen, ich hätte sie wohl grinsend verspottet.

Nach Spott war mir dieses Jahr nun gar nicht. 2016 hat auch bei mir Spuren hinterlassen. Ich habe mich selten so aufgefordert gefühlt, Stellung zu beziehen für die Verteidigung humaner, liberaler Werte gegen die Aggressivität und Larmoyanz von Populisten jeglicher Couleur. Und: Ich habe keine Angst. Trotz allem. Ich mache mir Gedanken, aber Angst habe ich keine. Insofern hat es mir entsprochen, dass Angela Merkel ihre Ansprache mit dem Wort "Zuversicht" gleichsam ummantelte. Aber was hätte sie auch sonst sagen sollen? Ich fürchte mich vor dem Terror, vor Trump, vor Putin eh, vor der nervtötenden CSU, der AfD samt den europäischen Sympathisanten Le Pen, Wilders und Co.? Nein – also: Zuversicht!!

Ich denke öfter: Wann platzt ihr eigentlich mal öffentlich der Kragen?! Wann schmeißt sie, siehe weiland Kohl in Halle, die (verbalen) Eier, die ihr täglich an den Kopf fliegen, mal zurück – metaphorisch natürlich? Nun bietet sich die Neujahrsansprache dazu nicht gerade an. Zumal weder die direkte scharfe Attacke noch Pathos ihr Ding sind. Sie wolle, sagte sie, 2017 "leidenschaftlich streiten". Ja, bitte! Unbedingt!! Vernunft, das Beharren auf Fakten, das Ausbalancieren unterschiedlicher Argumente, all das macht sie ja sowieso. Aber an Leidenschaft hat es ihr (vermeintlich?) doch etwas gemangelt in manchem Jahr. Womöglich uns allen, die wir es uns in unserer Demokratie ein bisschen zu gemütlich gemacht haben?

Kurz durchzuckte mich der Gedanke: In einem Jahr sitzt da womöglich Sigmar Gabriel! Oder Schulz oder Scholz! Ich dachte: Mensch, wenn man sich so umguckt auf der Welt – was für ein Privileg, diese Auswahl zu haben! Und bevor Sie, lieber AfD-Anhänger, jetzt reflexhaft "Nein!!" brüllen, gehen Sie doch bitte an Ihren Plattenschrank, legen Sie Mozart auf (langsam senkt sich die Nadel des Saphirs) und: Entspannen Sie! Und probieren Sie am 24. 12. mal Makkaroniauflauf.

Sachlich und sympathisch

Mir hat die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin gefallen. Angefangen mit der Stimmungslage nach dem Anschlag in Berlin, auch die Bewertung der Motive des Terroristen als Verhöhnung der Hilfsbereitschaft der Menschen in unserem Land, aber auch der wirklich hilfsbedürftigen Flüchtlinge; aber dann schnell zur Zukunft: feste Entschlossenheit, Vertrauen auf unsere Stärke und einen starken Staat, der die erforderlichen Befugnisse hat oder schnell bekommt. Die Warnung vor nationalen Lösungen, auch wenn die EU langsam und kompliziert ist. Gefallen hat mir besonders die Passage zur sozialen Marktwirtschaft und zum Enthusiasmus von jungen Forschern in Wirtschaft und Wissenschaft, die die Stärke unserer Zukunft ausmachen.