Vielleicht wäre aus Wagner ohne diesen Rückschlag tatsächlich das überbezahlte Großmaul geworden, eine Art deutscher Mario Balotelli. Stattdessen lernte Wagner "sein Ego besser einzusetzen", wie es Kumpel Ben-Hatira formuliert. "Er ist demütiger geworden. Ohne die negativen Erfahrungen wäre er nie dort, wo er heute ist." Mit Darmstadt 98 fand Wagner einen neuen Arbeitgeber, vor allem aber das erste Mal in seiner Karriere einen Trainer, der ihm voll vertraute. "Das hatte ich vorher noch nie", sagt Wagner über sein enges Verhältnis zu Dirk Schuster.

Nach kurzer Anlaufphase wurde aus Wagner der konstant torgefährliche Brecher, wie man ihn heute im Trikot der TSG Hoffenheim bewundern kann. Auch in Sinsheim hat er mit dem gleichaltrigen Julian Nagelsmann einen Trainer, der auf ihn setzt und sich – so geschehen nach der Partie gegen Frankfurt – für ihn in die Bresche wirft. In den vergangenen 49 Spielen gelangen ihm vereins- und wettbewerbsübergreifend 23 Tore und 5 Vorlagen. Sportlich zeigt er gerade allen, was er draufhat. An seinem Image hat das wenig geändert.

"Unsympathisch", findet sich Wagner selbst, wenn er die Aufzeichnungen von seinen Interviews nach Spielschluss sieht. Er, der am ersten Tag seiner Dienstzeit in Hoffenheim an jedes Büro klopfte und sich vorstellte. Das hatte vorher noch kein Neuzugang getan. Sämtliche Gesprächspartner beschreiben ihn als äußerst fürsorglichen Familienmenschen.

Im Interview erlebt man einen überaus interessanten Gesprächspartner, der davon berichtet, nicht an Zufälle zu glauben, sondern an ein selbstbestimmtes Leben, in dem aus dem Berliner Mobbing eine Neuerfindung in Darmstadt und Hoffenheim wird. Der Sätze sagt wie diese: "Schon komisch: Ob mir jemand vertraut oder nicht, könnte mir doch eigentlich egal sein. Das passt nicht zusammen mit meinem sonstigen Ego. Aber es ist mir wichtig."

Sandro Wagner ist ein sensibler Mensch, der das Vertrauen seines Trainers und den Jubel der Fans über seine Tore braucht, um als Gladiator Erfolg zu haben. Oder wie es sein Freund Peter Niemeyer sagt: "Ich kenne ihn als ganz feinen Menschen, aber auf dem Rasen verändert er sein Wesen. Da wird er zu einer Maschine, die auf den Sieg eingestellt ist." Der Mannschaftssport Fußball hat seine Positionen und Rollen, die es auszufüllen gilt. Sandro Wagner scheint seine gefunden zu haben. In Hoffenheim sind sie auch deshalb so glücklich, ihn als Spieler zu haben, weil sie so einen wie ihn vorher noch nie hatten. Den Großen und Starken, den man gerne dabei hätte, wenn es Stress auf dem Schulhof oder der Stammkneipe gibt. Oder wenn man gegen Eintracht Frankfurt spielt.

Wagner wird, so ist zu vermuten, weiter eine Reizfigur bleiben. Er braucht diese Rolle auch für sein Spiel, er schießt seine Tore als zerkratzter Gefahrensucher und nicht als auf Harmonie bedachter Familienvater. Seine Interviews sind Teil dieses Rollenprofils, sie sind wie sein Spiel: immer voll drauf. Hart, aber ehrlich. Er steht zu seiner rauen Spielweise und den schlagzeiligen Zitaten. Seinem neuen Trainer gefällt das. "Er hat den hundertprozentigen Siegeswillen", sagt Julian Nagelsmann, "und manchmal eckt er mit seiner Art an. Aber man braucht eben auch mal Spieler, die nicht ganz so brav sind."

Vielleicht braucht auch der Fußball solche Typen. Für das beliebte Schubladendenken, die vorschnelle Katalogisierung von Spielern. Vielleicht hat er das nötig, weil das Leben ohnehin schon viel zu kompliziert ist und der Fußball seinen Erfolg ja auch dem allgemeinen Irrglauben zu verdanken hat, dass es ein einfaches Spiel sei. Möglicherweise erklärt das die Faszination von Sandro Wagner: dass er es den Zuschauern so einfach macht, sich ein Urteil über ihn zu erlauben. Auch wenn es häufig falsch ist.