Auf Sandro Wagners rechtem Unterarm leuchtet dunkelrot eine drei Zentimeter lange Kratzspur. Die dünne Haut seiner Finger, dort, wo die Nägel enden, ist blutig. Spuren vom letzten Spiel. Beim 4 : 0-Sieg gegen den 1. FC Köln hat Hoffenheims Angreifer seine Saisontore sechs und sieben geschossen. Seine Gegenspieler haben ihn getreten, gekniffen und ihm Verletzungen zugefügt, die selbst die vielen Kameras im Stadion nicht sehen können. Wagner, 1,94 Meter groß, 90 Kilo schwer, breites Kreuz, muskulös, hat sich gewehrt und ebenfalls ordentlich ausgeteilt. "Manchmal", sagt Sandro Wagner und fährt sich dabei mit den Fingern über den zerkratzten Unterarm, "fühle ich mich wie ein Gladiator."

Nach dem Sieg gegen die Kölner, Wagner war noch ganz Gladiator, hatte er den Pressevertretern erklärt, dass er sich aktuell für den besten deutschen Stürmer halte. Eine nicht abwegige Behauptung. Rein statistisch ist im abgelaufenden Kalenderjahr kein anderer deutscher Angreifer so gut gewesen wie Wagner. Und trotzdem machten sich Fans von Freiburg bis Hamburg und viele Journalisten in ihren Kommentaren lustig über diese Aussage. Sandro Wagner, das Großmaul, hatte mal wieder einen rausgehauen. "Ich bin überzeugt", sagt Wagner mit ruhiger, fast sanfter Stimme an diesem Vormittag im Dezember, "dass ich aktuell der beste deutsche Stürmer bin." Und verrät seinen Traum, zumindest einmal von Joachim Löw in die Nationalmannschaft berufen zu werden.

Kein Bundesliga-Spieler polarisiert gegenwärtig so wie der 29-Jährige. Kein Offensivmann geht so leidenschaftlich in Zweikämpfe. Gegenspieler und gegnerische Fans können Wagner nicht leiden, weil er hart spielt und dabei auch noch meistens Erfolg hat. Deutlich war das zu sehen im Spiel gegen Eintracht Frankfurt. Da schlug Wagners Gegenspieler David Abraham seinem Kontrahenten mit voller Wucht und Absicht den Ellenbogen im Laufduell ins Gesicht. Frankfurts Mittelfeldspieler Alexander Meier rechtfertigte die Aktion nach der Partie: "Wenn er so spielt, muss er damit rechnen."

Mindestens so entscheidend wie sein Wirken auf dem Platz ist seine Wirkung fern des Rasens. Sandro Wagners Image ist das des vorlauten Fußball-Prolls, des Aufschneiders und stolzen Gockels. Regelmäßig festigt Wagner diese öffentliche Wahrnehmung durch knallige Interview-Statements. So wie im April 2016, als er, noch bei Darmstadt 98 unter Vertrag, auf die Frage einer Bild- Reporterin, ob Fußballer zu viel verdienen würden, antwortete: "Nein, angemessen oder teilweise zu wenig." Darmstadts Pressesprecher riet Wagner bei der Autorisierung, das Zitat zu streichen. Wagner ließ es drin.

Nie waren Fußballer austrainierter, taktisch geschulter, professioneller als heute. Und nie wirkten sie langweiliger. Der Sport hat seine Protagonisten in genormte Formen gepresst, die mögliche Ausreißer und Skandale minimieren und ein fast schon soldatisches Arbeitsethos fördern. So austauschbar sind die Profis der Gegenwart, dass selbst die harmlose bajuwarische Fröhlichkeit eines Thomas Müller herhalten muss, wenn mal wieder nach "echten Typen" gefahndet wird. Spieler, die nicht ganz in die Schablone passen, laufen Gefahr, aus Mangel an aufregenden Geschichten von den Medien genüsslich auseinandergenommen zu werden. Als kürzlich Fotos auftauchten, die Wayne Rooney angetrunken auf einer Party zeigten, kroch der Fußballer öffentlich zu Kreuze. "Ich verstehe jeden Fußballer, der sich in der Öffentlichkeit eine Maske aufsetzt", sagt Sandro Wagner. Auch er trägt eine. Vielleicht weil er gar nicht will, dass die Menschen sein wahres Gesicht erkennen.

Der gebürtige Münchner lernte beim FC Bayern, sog das "Mia san mir"-Selbstbewusstsein auf, kam auch ein paarmal für die Profis zum Einsatz, für den ganz großen Durchbruch reichte es nicht. 2008 wechselte Wagner zum MSV Duisburg – in die zweite Liga. Bei der U21-EM 2009 brachte ihn der ehemalige Mittelstürmer Horst Hrubesch erst im Finale aus Mangel an Alternativen. Wagner schoss zwei Tore, Deutschland gewann mit 4 : 0. Änis Ben- Hatira, damals Stammkraft und Mitspieler, heute ein enger Freund, sagt: "Das Endspiel war extrem wichtig für ihn. Endlich hatte er die Bestätigung, dass er es auch wirklich draufhatte." Doch Wagner riss sich wenige Monate später das Kreuzband und brauchte lange, um wieder in wettbewerbsfähige Form zu kommen. Im Januar 2010 verpflichtete ihn Werder Bremen, wirklich glücklich wurde er da nicht. Sein Engagement endete mit einer Ausleihe an den 1. FC Kaiserslautern und der späteren Degradierung in die zweite Mannschaft. Bei Hertha BSC waren es auch die Tore von Sandro Wagner, die den Hauptstadtclub wieder in die Bundesliga brachten, doch vor der Saison 2015/16 wurde Wagner gemeinsam mit Peter Niemeyer von Trainer Pál Dárdai ausgemustert und musste in der U23 mittrainieren. Sandro Wagner, einst als großes Stürmertalent gehandelt, war ganz unten angekommen. Heute sagt er: "Mir konnte nichts Besseres passieren."