Shibuya, Tokio. Die berühmteste Straßenkreuzung des Landes um acht Uhr abends. Wir kommen von der Ostseite. Die anderen kommen von Nord, Süd, West. Und von hinten. Es sind Hunderte. Als die Ampeln auf Grün springen, kommandiert Steve: "Und los. Schießt! Schießt! Schießt!"

Wir gehen los. Halten drauf. Jede Sekunde ein Schuss. Die von vorn marschieren genau auf uns zu, wir zielen mitten in die Menge. Die von hinten sind schneller als wir, sie drängen, schubsen. Wir kämpfen um Raum und Gleichgewicht, um ein oder zwei Augenblicke der Freiheit, bevor wir mitgerissen werden. Der Blick durchs Kameraobjektiv sucht oben, sucht unten, sucht mittendrin. Findet Gesichter, klack, klack, schon sind sie verschwunden. Rote Schuhe an den Füßen, die vor einem tänzeln, das schöne Mädchen, das streitende Liebespaar, die Frau im Kimono, die Distanziertheit in ihrem Blick, für eine Sekunde auf die Linse gerichtet und danach für immer eingefroren auf dem Foto. Klack, klack.

Wir, das sind neun Hobbyfotografen aus Kanada, den USA und Spanien – und ich, die einzige Deutsche. Dazu Steve Simon, ein vielfach ausgezeichneter kanadischer Fotograf. Er will uns in Tokio die hohe Kunst der Street Photography beibringen. Ein Anglizismus, der sich nur unzureichend mit "Straßenfotografie" übersetzen lässt. Street Photography, das ist viel mehr als nur Fotografieren auf der Straße. Wenn man es einigermaßen hinbekommt, ist es "storytelling at its best", und wo zum Henker gibt es mehr Geschichten auf einem Fleck als hier, in Tokio, wo Design, Subkultur, Avantgarde und Bohemia auf Megakommerz und das stoische Heer aus Anzugträgern treffen. Wo Neonreklamen groß wie Häuser sind, Rotlichtviertel an Tempel angrenzen, der Jugend- und Konsumwahn kaum Grenzen kennt. Wo es aber auch stille Viertel gibt, schmale Gassen, da ein Tempelchen, dort eine Pagode, wo sich der Alltag von Familien auf 50 Quadratmetern abspielt, ein Restaurant vier Sitzplätze hat.

Tokio ist unser Schlachtfeld, die Kamera eine Waffe gegen die Flüchtigkeit des Augenblicks.

Ich bin ein Neuling im Geschichtenerzählen mit Fotos. Die anderen haben das schon in Städten wie Havanna und Vancouver versucht. Sie sagen, in Tokio sei es schwieriger als anderswo. Das Tempo, der Lärm, die vielen Menschen, die eigene Orientierungslosigkeit: Das alles erschöpfe. Vor allem aber verführe es dazu, am Offensichtlichen hängen zu bleiben. Den bunten Eindrücken. Der Leichtfertigkeit. Wir aber wollen mit unseren Geschichten ein Stück echtes Tokio erzählen, einen Blick erhaschen auf die Seele der Stadt. Das finden, wonach die meisten Touristen insgeheim suchen – und es festhalten.

Steve gibt uns Aufgaben für jeden Tag. Licht und Schatten erkunden, Details entdecken, Tokios Puls einfangen, mal in der Architektur, mal in den Menschen, mal in Straßenszenen. Unsere eigene Bildsprache sollen wir entwickeln und uns jeden Tag bemühen, ein ikonisches Foto zu schießen. Eines, das zeigt, was wir in dieser Stadt sehen.

Ausgangspunkt unseres Workshops ist das Viertel Shibuya, dort wohnen wir in einem Hotel direkt an jener sternförmigen Kreuzung, die zu Stoßzeiten Hunderte Menschen queren. Shibuya ist so etwas wie Tokios Mitte, wenn es denn eine solche gibt. Ist die Verkörperung allen Wahns dieser Stadt, Ursprung für jeden Trend. Kneipen über Kneipen, XXL-Kaufhäuser und Sitz der kawaii- Kultur, deren Anhänger vor allem weibliche Teenager sind, die sich auf alles stürzen, was süß und infantil ist: Teddyrucksäcke, Pokémon-Taschen, Cinderella-Kleider. Hier sollen wir unsere ersten Gehversuche machen. Und von hier brechen wir zu Ausflügen in andere Stadtteile auf. Meist in der Gruppe. Nur selten wagt sich einer allein vor.

Steves "Schießt!" ist das Mantra unserer Tage, Tokio unser Schlachtfeld, die Kamera eine Waffe gegen die Flüchtigkeit des Augenblicks. Das Klack-Klack unserer Kameras reiht sich ein in das Klack-Klack der Schuhe. Klack, klack machen die Spitzen der Regenschirme auf dem Asphalt; machen die Metrotickets, wenn sie vom Kontrollautomaten eingezogen werden und Sekundenbruchteile später wieder heraushüpfen. Irgendwann verschwimmen Fotografie und Realität, wie Süchtige scannen wir Tokio mit der Linse, immer auf der Suche nach dieser einen Geschichte, diesem einen Bild, in dem sich die Stadt offenbart.

Unser Vorbild ist Daido Moriyama. Der wichtigste japanische Fotograf des 20. Jahrhunderts ist so etwas wie ein unsichtbarer Geist in diesem Kurs. Der heute 78-Jährige veröffentlichte 1968 einen Bildband mit dem Titel Japan: A Photo Theater. Seither ist er auch international berühmt, seine Werke hängen in den großen Galerien dieser Welt.