Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Ein Defekt an der Bremsleitung, erfahren wir, sei der Grund, den Zug auszutauschen, bei Minusgraden haben wir zu warten auf einem Bahnhof ohne Wartesaal, ich laufe also auf und ab auf diesem schmalen Bahnsteig, den ich so gut kenne und den ich nun, aus der Nähe betrachtet, kaum wiedererkennen kann.

Hier kamen wir in den großen Ferien an aus der Großstadt, waren schon nahe dem Bootsplatz, wo nicht nur das Segelboot auf uns wartete, sondern auch ein kleines Sommerquartier unter dem Dach des Bootshauses. Wenn wir hier dem Vorortzug entstiegen, dann waren wir in anderen Sphären und waren andere, der Vater, die Mutter und ich. Ich suche nach der sommerlichen Verheißung in den gelben Ziegelbögen, die noch vorhanden sind, aber nur noch geduldet. Beklebt, beschmiert, zerbröselnd warten sie auf den Abriss. Vernagelt die hohen Fenster der Schalterhalle, der Bahnhofswirtschaft. Aufgegebene Willkommensarchitektur. Erst jetzt verstehe ich die Sprache dieser Bögen und Fenster eines Bahnhofs, der schon zu mir gesprochen hat, als ich Kind war, und noch immer zu mir sprechen will, es sind noch dieselben willkommenheißenden Gesten mit seinen offenen Bögen wie ausgebreitete Arme, mit seinen großen Fenstern wie freundliche Augen. Geschlossene Rollos am implantierten "Service-Store". Seit Jahren geschlossen die Restauration, wo wir einen Imbiss bekamen und ein Getränk, wenn wir zu warten hatten. Und wo es eine saubere Toilette gab. Das war Normalität und wird mir erst jetzt so auffällig, weil es irgendwann aufgehört hat, normal zu sein. Wann war das? Ich war seit Jahrzehnten nicht hier. Die großen Gefühle der Ankunft in einer Fremde, der Abfahrt aus einer Heimat, des Losgerissen- und Unterwegsseins und banger, hoffnungsvoller Wiederkehr: Dieser Ort war einmal eine Architektur wert, die dem großen Gefühl eine öffentliche Form gab, darin man sich finden und fassen konnte, um nicht aus der Bahn geworfen zu werden. Damit man sich nicht so verloren finde an diesem Zwischenort, wie ich mich jetzt hier finde.

Wie gern würde ich jetzt am alten Platz im Bahnhofsrestaurant mich an einem Kaffee festhalten und durchs hohe Fenster dem kalten Grau dabei zusehen, wie es alles erstarren lässt, statt selbst dem Erstarren ausgesetzt zu sein und genötigt, mein albernes Auf und Ab zu exerzieren an einem Ort, der nur noch ein Bedarfshalt ist ohne Bedürfnisanstalt. Aber dann wird mir Trost zuteil, etwas ist immer noch verheißend in diesem öffentlichen Raum, wie damals höre ich jetzt das Abendläuten der nahen Kirche, das mich an meine kindliche Gewissheit erinnert, im Draußen überall sei eine wohlwollende Kraft, die Gutes wirkt.