"Opa? Was ist schlimmer: tot zu sein oder noch gar nicht geboren?" Die zwölfjährige Viola hat viele solche gewichtigen Fragen, und nicht immer hat ihr Opa sofort eine Antwort. Weiß er nichts zu sagen, baut er einen Tisch. Denn eines ist für ihn, den Tischler, sicher: "Tische kann man nie genug haben."

In der so poetischen wie philosophischen und auch humorvollen Graphic Novel Pssst! von Annette Herzog und Katrine Clante geht es um die großen Fragen des Lebens – und um das besondere Alter, in dem man sie zu stellen beginnt: wenn man nicht mehr richtig Kind und noch nicht richtig Jugendliche ist. Viola selbst vergleicht sich mit einem Zitronenfalter, der in der Verwandlung steckt: "In der Puppenhülle wird die Raupe völlig umgestaltet, wobei sie sich zu einem ausgewachsenen Insekt umbildet, das keine Ähnlichkeit mit der Raupe mehr hat."

Die Schmetterling-Metapher mag wenig innovativ sein, überraschend und überzeugend ist hingegen die optische Übersetzung: Schon auf dem Buchcover blickt uns Viola mit zerstrubbelten Haaren entgegen, während sie in einem Schlafsack steckt wie die Raupe im Kokon. Es ist das Zusammenspiel aus Text und Bild, das dieses Buch auszeichnet. Die deutsche Autorin Annette Herzog und die dänische Illustratorin Katrine Clante leben beide in Kopenhagen und haben Pssst! gemeinsam entwickelt. So stehen Inhalt und Optik tatsächlich gleichberechtigt über-, neben-, beieinander, treiben gemeinsam die Handlung voran. Wobei es keine klassisch erzählte Geschichte ist, sondern eine skizzenhaft-assoziative Sammlung. Das gesamte Buch wirkt wie ein Album oder Tagebuch des Fast-Teenie-Mädchens.

Violas Denken schwankt zwischen Naivität und überraschend reifer Reflexion, es kreist um Jungs, Freundschaft, Kleidung und Aussehen, und sie fragt sich: "Kann man gleichzeitig nett und beliebt sein?" Zugleich grübelt Viola über Sinn (und Unsinn) von Leben und Tod und strebt nach Autonomie. Und sie stellt sich die Frage aller Fragen: "Wer bin ich?", und wundert sich: "Warum kenne ich mich eigentlich selbst so schlecht, obwohl ich rund um die Uhr mit mir zusammen bin?"

Wie Puzzleteile fügen sich in den zwölf Kapiteln die verschiedenen Facetten ihrer Persönlichkeit zusammen. Mal sind komplette Seiten im Comicstil gehalten und schildern Erlebnisse des Mädchens. Dann wieder finden sich Fotos, Zeitungsausschnitte und Notizen zusammen mit einem selbst gebastelten Perlenring oder einer abgeschnittenen Haarlocke – wie an einer Pinnwand mit Erinnerungsstücken. Es gibt Illustrationen in der Anmutung romantischer Glanzbilder, auf anderen verwandelt sich Viola in ein altmodisches Anziehpüppchen, dem man ein passendes Outfit anheften kann. Ähnlich breit ist die Vielfalt der Texte – mal sind es Gedankenfetzen, mal Ausschnitte aus einem Schulaufsatz, dann wieder in Sprechblasen nacherzählte Dialoge.

Dass all diese Formen zusammenhalten, ist schon eine Leistung. Doch es gelingt mehr: Auf den knapp hundert Seiten erwächst eine große Nähe zur Protagonistin, auch weil der Stil dem entspricht, was ein Mädchen in Violas Alter zeichnen und schreiben würde. Das Jammern und Klagen, Hoffen und Bangen, das Grübeln, die Ideale – all das begleitet junge Menschen auf ihrem Weg zum Ich. Um die vielen Fragen, auch die schweren, kommt man dabei nicht herum, lehrt uns dieses kleine große Buch. Jedenfalls werden am Schluss von Pssst! alle Tische, die der Großvater zusammengezimmert hat, gebraucht.

Annette Herzog/Katrine Clante (Ill.): Pssst! Ab 10 Jahren, Peter Hammer Verlag 2016; 96 S., 14,– €