Während ich in meiner New Yorker Wohnung sitze und diesen Text schreibe, bleibt mein Fernseher eingeschaltet. Den ganzen Tag lang und auf allen Nachrichtenkanälen wird darüber diskutiert, wie es möglich sein konnte, dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Obwohl seit der Wahlnacht bereits einige Zeit vergangen ist, scheint die Wahl Trumps den amerikanischen Medien immer noch so unheimlich zu sein, dass sie sich diese nur als Ergebnis der Einwirkung einer dämonischen antiamerikanischen Macht erklären können, zum Beispiel der Macht Russlands. Warum eigentlich?

Das politische Programm Trumps ist ein sehr traditionelles, rechtskonservatives, typisch republikanisches Programm. Weniger Steuern für die Reichen, weniger Regulierungen für das Big Business, kein besonderes Interesse am Umweltschutz und Bekämpfung der Kriminalität durch mehr Polizei. Auch in der internationalen Politik setzt Trump auf die republikanische Tradition des politischen Realismus, die beispielhaft von Henry Kissinger verkörpert wurde. Wenn sich Nixon mit Mao versöhnen konnte – warum sollte sich Trump nicht mit Putin versöhnen?

Nur: Donald Trump passt nicht in das alte republikanische Raster. Von Gott war in der republikanischen Kampagne erstaunlich wenig die Rede, von Jesus noch weniger. Stattdessen präsentierte Trump sich nur mit einem Satz: Ich bin reich. Der eigene Reichtum war nicht nur sein stärkstes, es war, das kann man ruhig sagen, sein einziges Argument. Und genau damit betrieb seine Kampagne die Rückkehr zum klassischen Gesellschaftsbild: Es gibt nicht Weiße oder Schwarze, Männer oder Frauen, Hetero- oder Homosexuelle, Christen oder Nichtchristen, sondern es gibt nur Reiche und Arme. Die Reichen sind reich, weil sie wissen, "wie man mit Geld umgeht". Und die Armen sind arm, weil sie es nicht wissen.

Und was folgte für Trump daraus? Für ihn folgte daraus, dass Reiche regieren müssen, damit die Armen auch die Chance bekommen, reicher zu werden. Von den Reichen regiert zu werden bedeutet aber vor allem, nicht von der politischen Klasse regiert zu werden. Denn die politische Klasse besteht für Trump mehrheitlich aus Menschen, die das Geld anderer Leute verwalten, aber selbst kein Vermögen gemacht und damit bewiesen haben, dass sie unfähig sind, mit Geld umzugehen. Der Kern der trumpistischen Revolution bestand darin, dass sich "Donald" als Alternative zur gesamten politischen Klasse präsentierte, ob nun in ihrer demokratischen oder in ihrer republikanischen Variante.

Wer ist schuld an der Renationalisierung? Im Zweifel die russische Propaganda

Während seiner Kampagne zeichnete Trump das Bild eines Amerikas, dessen Infrastruktur zerfällt und dessen politische Klasse sich in ausländische Abenteuer stürzt, anstatt sich um das eigene Land zu kümmern. "Desaster" lautet das Lieblingswort, mit dem er den Zustand der USA beschreibt. Dieses Desaster, so behauptete Trump, resultiere aus dem Umstand, dass Amerikas politische Klasse internationale Handelsverträge abgeschlossen habe, durch die die USA massiv benachteiligt würden und Arbeitsplätze an Mexiko, China und andere Länder verlören. Deshalb müsse es wieder heißen: America first!

Man nennt Trumps Rhetorik oft populistisch und antidemokratisch. Doch wie unterscheidet man zwischen Demos und Populus – außer dass unsere Kultur traditionell dazu neigt, griechische Namen den Lateinischen vorzuziehen? Fest steht, dass beide Begriffe ein Territorium voraussetzen, das vom Demos beziehungsweise Populus bewohnt wird, und so zeigt sich in Trumps Erfolg (und zuvor schon im Brexit), dass die Rückkehr des Territorialen zu einem zentralen politischen Faktor unserer Zeit geworden ist. Dagegen war das 20. Jahrhundert die Zeit der zunehmenden Deterritorialisierung. Während der achtziger und neunziger Jahre zelebrierte man nachgerade die weltumspannenden Ströme des Kapitals, von Waren, Informationen und Menschen, und als Mitarbeiter eines multinationalen Konzerns fühlte man sich mehr mit den Mitarbeitern im eigenen Unternehmen solidarisch als mit der Bevölkerung des "eigenen Landes". Als Internet-User lebte man ohnehin in transnationalen sozialen Netzen. Man stellte seine Kunst auf den internationalen Biennalen aus, arbeitete für globale NGOs und Medienunternehmen. Schließlich hat der neoliberale Globalismus auch die postkommunistische Linke integriert, denn man arbeitete ja für die Verwirklichung einer globalen Gesellschaft.

Und heute? Heute scheinen die Kräfte der Deterritorialisierung nachzulassen. Wir erleben eine Welle der Reterritorialisierung, und Politiker und Intellektuelle argumentieren zunehmend defensiv und nationalistisch. Man will nicht mehr in globalen Strömen schwimmen, sondern das eigene Territorium vor der "Überflutung" durch diese Ströme schützen. Jetzt zeigt sich, wie wenig die Epoche der Internationalisierung und Globalisierung erreicht hat. Die großen Unternehmen, die das Internet besitzen und verwalten, sind nicht im virtuellen Cyberspace angesiedelt, sondern auf bestimmten Territorien und unterliegen dort der entsprechenden Gesetzgebung – meistens der amerikanischen. Dieselben Leute, die eben noch die Abschaffung jeglicher Zensur im Internet verlangt haben, fordern nun, die Zensur zu verstärken, um ihre nationalen Cyber-Territorien vor Fake-News zu schützen, die angeblich aus anderen nationalen Cyber-Territorien eingeschleust werden.

Mit einem Wort: Linker Internationalismus und liberaler Globalismus erweisen sich als Fiktionen. Sie konnten nur solange funktionieren, wie man der transterritorialen Ideologie die Treue hielt und sich mit Gleichgesinnten überall in der Welt solidarisch fühlte – aber nicht unbedingt mit den Nächsten, die zum gleichen Volk gehören, das als Souverän auf diesem Territorium lebt. So hat die Rückkehr des Territorialen eine für die heutige politische Ordnung fatale Frage aufgeworfen: Wer ist überhaupt das Volk?