Wenn der Nachbar sagt, Sie sehen aber gut aus!, ist das nett. Wenn aber der weltläufige Gast aus Übersee erklärt, oh my God, you are fabulous!, dann ist der narzisstische Gewinn enorm. In diesem Sinne: Die New York Times hat eine Liste der 52 besten Reiseziele für 2017 publiziert. Hamburg ist zum ersten Mal dabei und gleich auf Platz zehn gelandet, vor Osaka und Marrakesch.

Drei Dinge lobt das Blatt an Hamburg: die Elbpromenade von Zaha Hadid, die Elbphilharmonie und das Luxushotel Fontenay.

Hmm.

1. Die Elbpromenade zwischen Landungsbrücken und Baumwall – im Jargon: Flutschutz-Flaniermeile – sieht aus wie eine Showtreppe in einem Science-Fiction-Film. Wenn im Weltraum-Blockbuster fiese Herrscher irgendwelche Ansprachen halten, dann schreiten sie immer auf solchen Treppen herab und verkünden den Leuten, was Sache ist.

Elbphilharmonie in Hamburg

2. Für den Vergleich der Dachkonstruktion mit Segeln – "spiky roof evoking sails and the city’s maritime past" – braucht man kein Weltklasse-Feuilleton. Interessanter war die Auslegung des Guardian: Die Elbphilharmonie sei die späte Realisierung der verrückten Vorstellungen des deutschen Architekten Bruno Taut. Taut träumte 1917 von einer Kristallhalle auf den Schweizer Alpen, und genau diese Kombination von Leichtigkeit und Massivität sei in Hamburg gelungen.

3. Das Fontenay-Hotel wird erst im Sommer eröffnet. Das Lob ist sicher nett gemeint, hat aber mit der konkreten Wirklichkeit, die sich bislang auf ein paar Werbeskizzen und Illustrationen beschränkt, nicht allzu viel zu tun.

Insgesamt kann man sich fragen, ob Leute, die in einer Metropole leben, die am Rande des Verkehrskollaps steht, in der ein designierter Präsident Teile der Innenstadt lahmlegt und deren prominentestes Wahrzeichen aus einer 130 Jahre alten Kupferstatue besteht, ob diese Leute die besten Ranking-Beauftragten für Kulturorte sind.

Vielleicht ist die New York Times -Liste einfach eine Form der Rückerstattung von Bewegungsfreiheit und Großzügigkeit für die Klientel aus Manhattan. Dazu würden die Favoriten der Reihe passen: Kanada, die Atacama-Wüste in Chile, der Grand Teton National Park (wo am 21. August eine Sonnenfinsternis zwei Minuten und 20 Sekunden lang zu erleben sein wird – für den lichtgestressten New Yorker eine märchenhafte Vorstellung).

Auf Platz 9 der Liste steht übrigens Detroit. Die Stadt musste 2013 Konkurs anmelden und wurde 2015 überraschend von der Unesco zur Designcity des Jahres gewählt. Die New York Times freut sich vor allem über das Busbeschleunigungsprogramm, mit dem die Stadt ihre Pendler entlasten will.

Entspannter und vielleicht auch stimmiger: das Lob der Financial Times. Kolumnist Tyler Brûlé erwähnt die Elbphilharmonie noch nicht einmal. Er vergleicht Hamburg mit Montreal, Toronto und Lübeck, was als städtebauliche Quersumme eine wirklich lässige Kulisse ergibt. Und er lobt das gepflegte bürgerliche Publikum, das an den Kanälen sitze und dort den Spiegel lese.

Der Spiegel hat die Elbphilharmonie in seiner aktuellen Ausgabe als "trophy girl" bezeichnet – eine Schönheit, die man erst unbedingt erobern wollte und nun herablassend als "Elphi" anspreche, weil man merke, dass man ihr nicht wirklich gewachsen sei.

Manchmal ist die höchste Form der Anerkennung die Spitze.