DIE ZEIT: Frau Wehling, Sie haben kürzlich in einem Interview erklärt, der Freiheitliche Norbert Hofer habe zwar nicht die Wahl, wohl aber den Wahlkampf gewonnen. Er habe seine Framings – also jene Deutungsrahmen, die seinen politischen Themen bei den Wählern moralische Dringlichkeit verleihen – ein Jahr lang erfolgreich gesetzt. "Bei der nächsten Nationalratswahl wird das den Österreichern noch um die Ohren knallen", meinten Sie. Wie kommen Sie zu dieser Prognose?

Elisabeth Wehling: Ein Wahlkampf hat immer zwei Funktionen: einmal die kurzfristige Ausrichtung, das heißt die Wahl zu gewinnen, und dann die langfristige, das Propagieren und Verfestigen der politischen Geschichte, die man als Partei erzählt. Nie ist die Aufmerksamkeit größer als in einem Wahlkampf. Das ist immer die Chance, seine Wertehaltung zum gesellschaftlichen Miteinander richtig stark im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Dieses zweite Ziel, das Vorantreiben der eigenen Ideologie in den Köpfen der Mitbürger, das hat Hofer fantastisch umgesetzt. Aus Forschersicht muss ich hinzufügen, dass der Wahlkampf von Alexander Van der Bellen in keiner Weise ähnlich erfolgreich eine Geschichte transportieren konnte.

ZEIT: Wo sehen Sie die Defizite in der Kampagne des Wahlsiegers?

Wehling: Das erste Problem taucht schon bei den ständigen Appellen an das "Projekt Europa" auf. Mit Projekt assoziiert man im Alltag etwas Kurzfristiges, auf jeden Fall zeitlich Begrenztes, und da sind wir sofort beim gedanklichen Framing.

ZEIT: Ist der Begriff Projekt tatsächlich so negativ besetzt?

Wehling: Framing nutzt Alltagskonzepte, um abstrakte politische Gegebenheiten begreifbar zu machen. Und dabei wird "Projekt" immer als eine zeitlich begrenzte Aufgabe angesehen. Das ist natürlich ein denkbar schlechtes Framing für Europa, dem ja Dauer beschieden sein sollte.

ZEIT: Lässt sich nicht entgegengesetzt argumentieren: Der überraschend große Abstand bedeutete eine deutliche Absage an freiheitliche Positionen?

Wehling: Es nützt gar nichts, in der Euphorie des Sieges von Van der Bellen nun die Augen davor zu verschließen, dass man aufseiten der Nicht-FPÖ-Parteien diskursiv ein großes Problem hat. Bei den Nationalratswahlen müssen sie sich die Stimmen, die sie für Van der Bellen generieren konnten, wieder teilen. Dann stehen auf der einen Seite die Freiheitlichen, die ungeheuer breite Zustimmung gefunden hatten, und auf der anderen die übrigen Parteien, die schon aufgrund der überparteilichen Natur der Van-der-Bellen-Kampagne diesen Wahlkampf nicht gleichermaßen gut dazu nutzen konnten, eine starke ideologische Geschichte zu erzählen.

ZEIT: Sagen Sie, die Freiheitlichen seien aus dieser Wahlniederlage gestärkt hervorgegangen?

Wehling: Ja, das muss man so festhalten. Und sie haben das am Wahlabend in den Statements von Hofer und Parteichef Strache gemerkt, die darauf aufbauten, dass Österreich in Gefahr sei und man auf das Land aufpassen müsse. Die Bedrohungsstory ist ja eine zentrale Konstante der FPÖ.

ZEIT: Beispielsweise dieses "Ich hätte gerne auf das Land aufgepasst".

Wehling: Da sieht man einen Wahlverlierer, der schon den Moment der Wahlniederlage nutzt, um seine ideologische Story weiterzufahren. Weil man auch bei einer Wahlniederlage außerordentliche Aufmerksamkeit genießt. Das primäre Ziel eines Politikers muss es sein, Aufmerksamkeit für das Propagieren der eigenen Perspektive auf die Welt zu nutzen.

ZEIT: Insofern war Hofers Statement, man habe jetzt mit ihm einen schlafenden Bären geweckt, gar nicht so abwegig.

Wehling: Ehrlich gesagt, ich glaube gar nicht, dass dieser Bär geschlafen hat. Der FPÖ geht es doch seit Jahren gut. Die Freiheitlichen verfolgen eine Mehrjahresstrategie, und dieser Präsidentschaftswahlkampf war nur ein Segment davon.

ZEIT: Was sind die wirkmächtigsten Framings, die von der FPÖ dabei eingesetzt werden?