Ein Mittwochnachmittag im Paradies, dem Stadtpark in Jena: Hier sieht man sie, die jungen Väter. Sie schubsen beim Schaukeln an oder stützen kleine Popos, die das Piratenschiff hochklettern. Dass sich Väter um ihre Kinder kümmern, ist in der thüringischen Universitätsstadt nicht ungewöhnlich: Nirgends sonst in Deutschland beantragen so viele Männer Elterngeld und gehen in Elternzeit. 2016 waren es 60 Prozent der jungen Väter.

Ein Freitagnachmittag in Gelsenkirchen im Pott: Hier sucht man sie, die jungen Väter. Im Bahnhofsviertel tragen viele Frauen ein Kopftuch und schieben einen Kinderwagen durch die Fußgängerzone. Im Stadtgarten versinkt das hölzerne Kletterschiff im Sandmeer. Niemand spielt, niemand stützt. In Gelsenkirchen beantragen nur zwölf Prozent aller Väter Elterngeld, weniger als irgendwo sonst in Deutschland.

Im Januar 2007 löste unter der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) das Elterngeld das Erziehungsgeld als staatliche Unterstützung für junge Familien ab. Es variiert zwischen 300 und 1.800 Euro im Monat, je nach Nettoeinkommen im Jahr vor der Geburt. Ausgezahlt wird es zwölf beziehungsweise 14 Monate lang – wenn auch der andere Elternteil mindestens zwei Monate Elterngeld beantragt. "Der andere Elternteil" ist meist der Vater. Es war eines der politischen Ziele des Elterngeldes, mehr Väter zur Betreuung ihrer Kinder zu motivieren. Das hat mit Blick auf die Zahlen geklappt: 2005 nahmen nur knapp drei Prozent aller Väter das Erziehungsgeld in Anspruch. 2010 beantragte jeder vierte, 2015 jeder dritte Vater Elterngeld. Aber die Spanne reicht von 60 Prozent in Jena bis 12 Prozent in Gelsenkirchen.

Woran liegt das – an der Mentalität, an der städtischen Familienpolitik oder am Elterngeld selbst?

In Jena schiebt Lars Velter den Kinderwagen in den Hausflur. Vorsichtig lugt der 33-jährige Lehrer durch die Regenverkleidung – sein einjähriger Sohn lächelt ihn an. Eigentlich hätte Karlsson auf dem Rückweg von der Tagesmutter Mittagsschlaf machen sollen. Auch mit der Eingewöhnung hat es noch nicht so recht geklappt, aber Velter bleibt gelassen. "Wir haben ja noch Zeit." Überhaupt, Zeit für die Familie, das ist Velter das Allerwichtigste.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Das geht vielen Vätern so, aber bei der Mehrzahl überwiegt die Angst vor dem Karriereknick. Umfragen des Deutschen Jugendinstituts zufolge ist sie der häufigste Grund, auf eine Elternzeit zu verzichten. Diese Sorge hatte Velter als Lehrer nicht. Er bezieht sieben Monate Elterngeld, genauso lange wie seine Partnerin. Karlssons Mutter forscht als Soziologin an der Universität, im Sommer musste sie zu mehreren Konferenzen. Ohne die Elternzeit des Vaters wäre das schwierig geworden.

Velter nimmt mehr Elternzeit, als es bundesweit mit durchschnittlich 3,1 Monaten für Männer üblich ist. "Ich bin mir sicher, dass viele Väter das gerne ausdehnen würden", sagt er. "Es kommt eben darauf an, ob man sich das leisten kann und ob der Arbeitgeber das mitmacht." Velter weiß, dass er Glück hatte: Für Schulen ist es leichter, eine Vertretung für ein ganzes Jahr oder wenige Wochen zu organisieren.

Jena ist stolz auf seine Familienfreundlichkeit: Im "Bündnis für Familie" haben sich vor zehn Jahren über 70 Forschungsinstitutionen, Firmen und die Stadt als Arbeitgeber zusammengeschlossen, um die Lebensqualität für Familien zu steigern. Die Stadt hat massiv in Kindertagesstätten investiert. Jedes Kind über 13 Monate findet hier einen Kitaplatz oder eine Tagesmutter, fast jede Schule bietet Nachmittagsbetreuung. Die Arbeitslosenquote beträgt nur gut sechs Prozent. Mit 108.000 Einwohnern ist Jena zwar nur eine kleine Großstadt, aber sie wächst: Jährlich werden etwa 1.100 Kinder geboren, nur 800 Menschen sterben.