Auch in Gelsenkirchen wird viel geboren, aber noch mehr gestorben. Seit Jahren belegt die ehemalige Zechenstadt in Zukunftsrankings von Wirtschaftsinstituten den letzten Platz, während Jena sie, zumindest im Osten, anführt. Die Arbeitslosenquote ist mit knapp 15 Prozent mehr als doppelt so hoch. Ungleich andere Voraussetzungen für die Familienpolitik.

Um die Zukunft von Familien in einer Stadt zu fördern, die um ihre eigene Zukunft kämpft, entstand 2014 mit Bundesmitteln ein sogenanntes Familienbüro in der Innenstadt. Es hat einen Spielbereich und einen Wickelraum und bietet samstags kostenlose Kinderbetreuung an. Das Familienbüro gehört zum Jugendamt. Einige Mitarbeiter sprechen Bulgarisch und Rumänisch. Die Stadt verspricht sich damit einen besseren Zugang zu den vielen Familien, die nach der EU-Erweiterung aus Südosteuropa ins Ruhrgebiet gekommen sind. Das Familienbüro bietet auch Babykurse und Krabbelgruppen nur für Väter und ihre Kinder an. "Außer der kursleitenden Hebamme ist das dann eine frauenfreie Zone", sagt Sebastian Westphal vom Familienbüro.

Wunsch und Realität klaffen auseinander: Nur jeder dritte Vater nimmt Elternzeit

An diesem Nachmittag ist Morad dort der einzige Vater. Seinen Nachnamen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Wenn das Familienbüro schließt, wird Morad mit seinen Kindern Nadir, 5, und Sarah, 3, die Mutter von ihrer Arbeit als Verkäuferin abholen. Es ist ihm wichtig, dass er viel Zeit mit seinen Kindern verbringt. Dafür arbeitet der 32-jährige Lagerist in Teilzeit. Ob er je Elterngeld bezogen hat, weiß er gar nicht mehr, diese Behördensprache ist ihm fremd. Wichtig ist ihm, ein anderer Vater zu sein, als sein Vater es war. Der Gastarbeiter aus Marokko habe sich zu Hause um nichts gekümmert. "Ich bin froh, dass ich weiß, wie man Windeln wechselt", sagt Morad in schönstem Ruhrdeutsch. "Und ich zeig auch meinen Kumpels, wie das geht."

Morad ist mit seinem Lebensmodell in Gelsenkirchen ein Exot. "Aber wir beobachten seit einigen Jahren einen erfreulichen Wandel", sagt Westphal aus dem Familienbüro. "Auch in Gelsenkirchen wollen sich die Väter immer mehr einbringen, ob sie ursprünglich aus Bagdad kommen oder aus Buer, dem wohlhabenderen Norden der Stadt."

Stefanie Aunkofer und Benjamin Neumann, die an der Technischen Universität Dortmund über Väter in Elternzeit forschen, befragten Paare, wie sie ihr Elternzeitmodell aushandelten. Die Frage der Herkunft habe dabei kaum eine Rolle gespielt, sagen die Wissenschaftler. Auch regionale Unterschiede beobachteten sie kaum – zumindest wenn es nach den Wünschen ging, für das Kind zu sorgen. Doch Wunsch und Realität klaffen auseinander, an manchen Orten stärker als an anderen. Und bundesweit gilt: Wenn 34 Prozent aller Väter in Elternzeit gehen, tun es zwei von drei Vätern nicht. Bei einkommensschwachen Familien oder Eltern, die den Berufseinstieg noch vor sich haben, wird das Elterngeld auf andere Sozialleistungen angerechnet. Vor allem deswegen sind die Zahlen in einer Stadt wie Gelsenkirchen so niedrig. Und nicht unbedingt, weil die Mentalität der Väter und Mütter sich im Pott langsamer verändert als in Thüringen.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) ließ das Elterngeldgesetz überarbeiten. Seit Sommer 2015 können Väter und Mütter die Elternzeit auf bis zu 28 Monate verteilen und währenddessen arbeiten. Doch beim "Elterngeld Plus" richtig zu rechnen, um zu profitieren, ist eine Kunst, die viele Eltern überfordert.

Lars Velter ist froh, dass er zurzeit nicht arbeitet: "Die Ebenen zu mischen stelle ich mir mit Baby schwierig vor." Er streichelt Karlsson, der auf seinem Schoß eingeschlafen ist. Gleich wird er ihn wecken, um den Nachtschlaf nicht zu riskieren. Denn nachts kümmert sich weiterhin Karlssons Mutter. In mancher Hinsicht wird selbst die beste Familienpolitik nicht für echte Geschlechtergerechtigkeit sorgen können.

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