Während Sandra Hammamy mit einem Messer das Schnitzel auf ihrem Teller zerteilt, erzählt sie von den Leichen. "Wenn sie im Wasser sind, gehen die relativ schnell unter", sagt sie. Man müsse sich dann etwas überlegen, um sie zu bergen, gerade wenn viele Körper im Meer schwimmen: "Wir haben denen Rettungswesten an die Hände und Arme gebunden."

Es ist Mittagspause in der Mensa der Universität Gießen, ein Montag, und Sandra Hammamys 45. Geburtstag. Sie blickt ihren Kollegen an, der ihr im grauen Kapuzenpulli gegenübersitzt. Er sagt: "Es ist schwer, von so einem Thema zu einem normalen zu wechseln." Von den Toten im Mittelmeer, in Säcke verschnürt und auf ein Schiff geladen, zu seinem Urlaub in Florida. Dann lehnt er sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme. Auf dem Tablett neben ihm eine Schüssel mit Quarkspeise.

Sandra Hammamy und ihr Kollege sitzen jeden Tag an diesem Tisch, zwischen Geschirrabgabe und Fensterfront. Jeder trägt ein Tablett, jeder zahlt mit Chipkarte. So ist das seit Jahren. Aber es hat sich etwas verändert. Hammamy, die am Institut für Geschichte und Kultur als Studienberaterin arbeitet, hat Schatten unter den Augen, sie sieht müde aus.

Es sind eineinhalb Jahre vergangen, seit Sandra Hammamy die Seite von Sea Watch auf Facebook entdeckte und eine E-Mail schrieb. Die private Hilfsorganisation hatte einen ausrangierten Fischkutter gekauft, um das Mittelmeer nach Schlauchbooten abzusuchen und so Menschen auf der Flucht vor dem Tod zu bewahren. Hammamy wollte die Seenotretter unterstützen. Sie könne einen Sprinter mit Material nach Italien fahren, bot sie an. Sie nahm 14 Tage Urlaub und fuhr. Erst viele Wochen später kehrte sie zurück.

Sandra Hammamys Leben ist seitdem zu einem anderen geworden. Jeden freien Tag im vergangenen Jahr hat sie an der Grenze Europas verbracht. Sie half an den Küsten und auf dem Mittelmeer, kurz vor Libyen. Sie zog Hunderte Menschen aus Schlauchbooten und musste anderen beim Ertrinken zusehen. Sie tröstete Frauen, die ihr Baby verloren hatten, und Kinder, die ihre Mutter vermissten. Sie warb um neue Helfer für die Organisation. Achtmal war sie als Rettungsschwimmerin auf einem Hilfsschiff unterwegs. Sie kann nicht aufhören zu helfen. Wie hältst du das nur aus? Das fragen sie die Leute in Gießen. Sie fragt sich: Wie haltet ihr euer Leben aus?

Im Mittelmeer, wo Militärschiffe und bewaffnete Küstenwachen nach Schleusern fahnden, wo Drohnen und Helikopter kreisen, starben dieses Jahr mehr als 4.600 Menschen, die versuchten, Italien mit einem Schlauchboot zu erreichen.

Wie kann man am Schreibtisch sitzen und Hausarbeiten von Studenten bewerten, wenn dort Kinder im Meer versinken? Wie kann man so vor sich hin leben, wenn dort Tausende sterben? Das sind die Fragen, die Hammamy sich stellt.

Hammamy gehört zu einer neuen Helferszene, einer Gruppe von Leuten, die sich auf immer neue Helferjobs bewirbt. Ihr Stützpunkt ist Malta, weil dort ein Großteil der Rettungsschiffe im Hafen liegt. Vielen Helfern fällt es inzwischen schwer, in ihr altes Leben zurückzukehren.

Nach dem Mittagessen in einem Seminarraum. Vier junge Frauen stehen an der Tafel, neben ihnen an der Wand leuchten Sätze aus ihrem Vortrag. PowerPoint. Hammamy reibt ihre Stirn. Sie sitzt auf dem Stuhl neben dem Projektor, die Beine überschlagen. Ein weißes Blatt Papier liegt vor ihr auf dem Tisch. Während die Referentinnen sprechen, schaut sie in den Raum. Still sitzen die Studenten hinter ihren Pressholztischen, die Ellenbogen abgestützt, die Blicke matt.