Was haben Indien, Venezuela und der Euro-Raum gemeinsam? Ihre Politiker und Notenbanker haben beschlossen, einen oder mehrere Geldscheine zu streichen. In Europa war das der 500-Euro-Schein, der ab Ende 2018 nicht mehr neu ausgegeben wird (eintauschen kann man ihn weiterhin). In Venezuela war es die 100-Bolívares-Note, die für ungültig erklärt wurde. In Indien ging es um den 500- und den 1000-Rupien-Schein. Stets fiel das gleiche Hauptargument: Es gehe darum, die Kriminalität zu bekämpfen, die Mafia, die Drogenbosse, die Schwarzgeldschmuggler, die Korrupten, die Terroristen, die Geldwäscher oder alle zusammen.

Der Charme dieses Arguments ist, dass es erst einmal überzeugend wirkt. Schließlich hat jeder sofort die richtigen Bilder im Kopf, weil er ins Kino geht oder Fernsehserien über Drogenkartelle schaut. Kurz bevor es dort blutig wird, hat immer ein Accessoire seinen großen Auftritt: der Aktenkoffer voller Geldscheine. Womit klar wäre, dass man nur die Scheine beseitigen müsste, und die Bluttaten würden sich erübrigen. Oder?

Vorsicht mit der schnellen Schlussfolgerung! Niemand wird bestreiten, dass Geldscheine auch zu illegalen Aktivitäten genutzt werden. Es fordert allerdings auch keiner das Verbot von Aktenkoffern, weil in ihnen manchmal Drogengeld transportiert wird. Oder das Verbot von Autos, die – rasant vorgefahren – große Auftritte in Mafiafilmen haben. Schließlich dienen Autos und Aktenkoffer auch ganz normalen Menschen zu völlig legalen Zwecken.

Wie übrigens auch das Bargeld.

In Wirklichkeit geht es den Politikern und Notenbankern deshalb nicht oder zumindest nicht nur um die Kriminalität. Die kann man wirksamer anders bekämpfen, dafür gibt es die Polizei. Es geht vielmehr darum, Kontrolle über die Bürger und ihr Geld zu gewinnen – aus von Land zu Land sehr unterschiedlichen Gründen.

Das erkennt man schon daran, wie unterschiedlich die Umtauschaktionen ablaufen. Während die Europäer den 500-Euro-Schein durch kleinere Nennwerte ersetzen, macht Venezuela das Gegenteil: den 100-Bolívares-Schein sollen die Bürger gegen neue Banknoten tauschen, deren geringster Nennwert 500 Bolívares ist, der höchste 20 000. Das allein zeigt, dass es in Venezuela keinesfalls um Verbrechensbekämpfung geht. Die Regierung will die irre Inflation mit neuen Scheinen verdecken. Die Umtauschaktion soll die verfehlte Wirtschaftspolitik verschleiern, die das Land in eine tiefe Krise gestürzt hat.

Aber auch die europäische Variante überzeugt nicht. Schließlich können Verbrecher vorhandene 500-Euro-Scheine behalten und künftig auf 200-Euro-Scheine umsteigen. Dass irgendeine Straftat deshalb nicht begangen wird, ist unwahrscheinlich. Es bleibt der Umtauschvorgang zur Verbrechensbekämpfung. Indien ist hier konsequent. Die zwei gängigsten Scheine wurden binnen kurzer Frist wertlos. Wer große Mengen umtauschte, musste sich registrieren lassen. Das mag dabei helfen, einen Teil des illegal verdienten Gelds zu vernichten. Vorrangig geht es aber auch hier um etwas anderes: In Indien arbeitet die Regierung offiziell an der Abschaffung des Bargelds. Sie will Kontrolle über die Bürger gewinnen – elektronische Transaktionen sind leichter zu verfolgen – und den Banken entgegenkommen, für die es teuer ist, Bargeld zu lagern und zu versichern.

In Europa liegt eine andere Vermutung nahe. Wenn die Zinsen sinken, womöglich negativ werden, dann lohnt es sich, sein Geld bar in den Tresor zu legen. Tun das viele, wirkt die Geldpolitik nicht mehr. Das könne der Europäischen Zentralbank nicht gefallen, glaubt zumindest Clemens Fuest vom ifo Institut. Merke: Wenn die Notenbank handelt, zittert eher der Bürger als der Mafiaboss.