Warum wird um diese Handelskammer gerade so ein Lärm gemacht? Weshalb sollte sich außer Unternehmern jemand für ein Scharmützel zwischen Firmen- und Kammerbossen interessieren? Die Antwort: Weil die Hamburger Handelskammer seit gut 350 Jahren zu den mächtigsten Institutionen der Stadt zählt. Manche bezeichnen sie als Parlament der Wirtschaft, andere gar als Schattenregierung. In jedem Fall nimmt sie in vielfältiger Weise Einfluss auf das Leben aller Hamburger.

Sie lockt mit Großveranstaltungen wie dem Hamburg Summit internationale Politiker und Wirtschaftsführer in die Stadt, nimmt die Prüfung der Hamburger Auszubildenden ab, berät Gründer, betreibt eine eigene Hochschule – und sie mischt sich in Entscheidungen ein, die jeden Bürger der Stadt betreffen. Die Olympia-Bewerbung war ihre Idee. Im Streit um Stadtbahn, Busbeschleunigung, Radverkehr, bei der Frage, ob die Stadt die Energienetze zurückkaufen soll – stets hat die Kammer eine klare Meinung und dabei den Anspruch, die Wirtschaft zu vertreten.

Um diesen Anspruch geht es auch bei den am 16. Januar beginnenden Kammerwahlen, die einen Monat lang dauern werden: Kann eine solche Institution wirklich für alle Firmen in Hamburg sprechen? Und wenn ja, wie? Sollte sie dafür von ihnen Geld verlangen, selbst wenn die Unternehmer nicht einverstanden sind?

Erstmals in der Kammergeschichte ist ein richtiger Wahlkampf entbrannt. Verschiedene Bündnisse treten an und kämpfen um die Mehrheit. Wir stellen sie vor.

Die Rebellen

Umsturz um jeden Preis: Das Bündnis Die Kammer sind WIR

Der Anführer

Tobias Bergmann ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung Nordlicht. Sie berät Mitgliederorganisationen wie Gewerkschaften oder Verbände. Bei der Kammer allerdings würden die Chefs lieber auf Bergmanns radikale Vorschläge verzichten. Weshalb er und sein Bündnis auch als Rebellen bekannt wurden. Als gebürtiger Bayer hat Bergmann es unter Hamburger Kaufleuten ohnehin nicht leicht. Vielleicht war er deshalb der Erste und lange auch der Einzige, der das Gebaren der Kammer öffentlich infrage stellte.

Der Promi

Aufsehen erregte vor allem die Diskussion, die Bernd Jakovlev ausgelöst hat: Was darf ein Kammerpräses sagen und was nicht? Jakovlev hatte gegen die Rede des Präses bei der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns 2015 geklagt und weitgehend recht bekommen. Die Rede ist traditionell sehr politisch, doch laut Gesetz darf sich die Kammer nur zu wirtschaftlichen Themen äußern. 2016 hielt sich der Präses dann an diese Vorgabe.

Das steht im Programm ...

"Zwangsbeiträge abschaffen". Das ist das große Versprechen, mit dem sich die Kammerrebellen von allen anderen Wahlkämpfern unterscheiden.

... und das bedeutet es

Die Handelskammer wird zum Dienstleister, die Mitglieder bezahlen nur, was sie auch nutzen. Ohne Einnahmen aus Pflichtbeiträgen könnte sich die Kammer aber viele Angebote kaum noch leisten. Es würde das Prinzip von Angebot und Nachfrage gelten, was langfristig einige Mitarbeiter ihre Jobs kosten dürfte.

Das Problem

Umstritten ist, ob die Abschaffung der Pflichtbeiträge juristisch haltbar ist. Im IHK-Gesetz heißt es: "Die Kosten ... werden, soweit sie nicht anderweitig gedeckt sind, ... durch Beiträge ... aufgebracht." Denkbar wäre also auch eine Finanzierung über Gebühren oder freiwillige Beiträge. Die Wirtschaftsbehörde, Aufsichtsorgan der Handelskammer, hält die Abschaffung theoretisch für möglich.

Erfolgsaussichten

Aus dem Einzelkämpfer Bergmann ist das größte Wahlbündnis mit 57 Kandidaten geworden. Wenn es darum geht, Geld zu sparen, sind Unternehmer schnell zu begeistern. Trotzdem sollte man die Verbundenheit der Firmenchefs mit der Tradition und dem Netzwerk der Kammer nicht unterschätzen.

Lautstärke 130 Dezibel (Presslufthammer auf der Baustelle)