Das historische Gedächtnis kann ganz schön zynisch sein: Die Intensität des Erinnerns wird in unseren Köpfen von der Dimension des Verbrechens bestimmt. Da hat in Deutschland der Holocaust mit seinem ungeheuren Ausmaß den Genozid an den Herero und Nama fast völlig in den Schatten gestellt. Weil sie gegen die deutsche Kolonialmacht rebellierten, wurden im damaligen Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 bis zu 100.000 Herero und Nama ermordet. Der "Herero-Aufstand" war der erste Völkermord im 20. Jahrhundert, ein Prototyp der modernen Grausamkeit.

Nun hat die Geduld der Nachkommen ein Ende. Sie haben vor einem US-Gericht gegen die Bundesregierung Sammelklage eingereicht. Sie fordern die direkte Teilhabe an den Entschädigungsverhandlungen, die zwischen dem Staat Namibia und Deutschland in Gang kommen. Die Herero und Nama sind in Namibia eine Minderheit. Sie fürchten, dass das Geld bei ihnen nicht ankommen wird. Die beiden Staaten möchten lieber ohne sie verhandeln. Werden die Opfer ein weiteres Mal übergangen? Es sieht ganz danach aus. Andererseits: Wer sind die Leute, die klagen? Wer erteilte ihnen die Befugnis, zu verhandeln? Haben sie sich selbst ermächtigt? In wessen Namen sprechen sie?

Mehr als ein Jahrhundert hat es gedauert, bis sich unser Land dazu durchrang, dieses humanitäre Verbrechen politisch anzuerkennen. In der Bundesrepublik drückten sich die Minister jeglicher Couleur um eine öffentliche Entschuldigung: Bloß jede juristisch relevante Schuldanerkenntnis vermeiden, die eine Entschädigungszahlung nach sich zieht! Keine neuen Präzedenzfälle schaffen!

Warum aber spielt die deutsche Kolonialgeschichte auch in unserem kulturellen Gedächtnis eine so marginale Rolle, obwohl sie im imperialistischen Vergleich als besonders brutal gilt? Statt darüber nachzudenken, halten wir es inzwischen für eine Gnade, dass unsere Kolonialgeschichte bereits 1918 jäh endete. Daraus konstruierten wir uns die moralische Entlastung, weniger Schaden angerichtet zu haben als Frankreich, England oder Belgien.

Diese Zeit reichte jedoch, das Bild des deutschen Kolonialismus in Afrika hierzulande zu verklären. In den Geschichtsbüchern stand bis vor Kurzem, dass Afrika von den Deutschen bei aller Grobheit gegenüber den Untertanen schließlich eine technisch perfekte Infrastruktur erhalten habe, die Eisenbahn heute noch reibungslos fahre. Deutsche Touristen reisen nach Windhuk, der Hauptstadt Namibias, und lassen sich vor den wilhelminischen Repräsentativbauten fotografieren, im Abglanz kolonialistischer Pracht. Aus dem Schulunterricht kennen wir zwar Heinrich Himmler, aber Adrian Dietrich Lothar von Trotha ist uns kein Begriff. Der preußische Offizier gab den "Vernichtungsbefehl", der den Genozid an den Herero auslöste. Jeder gefasste Aufständische wurde ermordet, die Fliehenden in die Wüste getrieben. Überlebende wurden zur Zwangsarbeit in Lager geschickt.

Wir auf der Sonnenseite dieser finsteren Geschichte sangen Generation für Generation das Lied von den "Zehn kleinen Negerlein" im Kindergarten, naschten Mohrenköpfe und freuten uns am "Sarotti-Mohr". In den katholischen Kirchen waren Spendendosen der Überseemission als "Nickneger" gestaltet. Dort warfen wir arglos unser Geld hinein und warteten, bis die Figur dankend den Kopf senkte.

Die Rassismusforschung hat belegt, dass Afrikaner hierzulande die unterste Hierarchiestufe bilden. Ein Erbe des kurzen deutschen Kolonialismus? Statt das zu fragen, atmen wir lieber auf, weil wir uns nicht wie unsere Nachbarn mit den Nachfahren ehemaliger Kolonialbürger herumschlagen müssen. Die Integrationsbemühungen stoßen dort gerade bekanntlich an ihre Grenzen.

Seit die Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul 2004 in Namibia ihre persönliche Entschuldigung öffentlich äußerte, scheint Bewegung in die Aufarbeitung zu kommen. Letzten Sommer bezeichnete Bundestagspräsident Norbert Lammert den Genozid an den Armeniern, sehr zum Ärgernis des türkischen Staatspräsidenten, als einen solchen. Daraufhin kam prompt die gallige türkische Antwort, Deutschland solle doch erst einmal den Völkermord an den Herero eingestehen. Das saß.

Inzwischen nutzt auch das Auswärtige Amt dafür den Begriff des Völkermords. Im Berliner Deutschen Historischen Museum läuft gerade die erste große Ausstellung über den deutschen Kolonialismus. Der Versuch, eine Diskussionsrunde zum Thema Entschädigung zu organisieren, ist bislang gescheitert. Es finden sich keine Podiumsteilnehmer. Der namibische Botschafter sagte ab. Das Gelände bleibt also weiterhin vermint.