Was ist gerecht? Was ungerecht? Und ist das logisch? Auf diese großen philosophischen Fragen stößt man auch in Hamburgs Nahverkehr. Jeden Morgen kann man sich den Kopf zermartern über die Ungereimtheiten des HVV-Tarifsystems: Warum muss man für zwei Stationen von der Sierichstraße zum Eppendorfer Baum 2,20 Euro zahlen – aber für die zwei Stationen vom Klosterstern zum Stephansplatz nur 1,60 Euro, obwohl das obendrein die viel längere Strecke ist? Noch rätselhafter: Für 1,60 Euro kommt man mit dem 109er-Bus neun Haltestellen weit, von der Haltestelle Streekbrücke bis zur U-Bahn-Station Alsterdorf. Aber fährt man auf derselben Strecke (!) nur zwei Stopps vom Harvestehuder Weg zur Maria-Louisen-Straße, macht das 2,20 Euro.

Was steckt dahinter, dass die gleiche Anzahl von Stationen unterschiedlich viel kostet und eine weitere Strecke günstiger sein kann als eine kürzere? Gibt es einen Bonus für Langstreckenfahrer? Zeit-Raum-Abkürzungen, vergleichbar astronomischen Wurmlöchern? Oder haben die Entscheider nicht mal mehr die Logik eines Tarifsystems im Griff, obwohl doch nichts einfacher wäre, als den Fahrpreis an die Zahl der Stationen zu koppeln?

Genau das wäre ungerecht, sagt HVV-Sprecher Rainer Vohl. Zwischen den beiden Stationen Rahlstedt und Ahrensburg betrage die Entfernung beispielsweise 9,2 Kilometer, zwischen den zwei Halten Hauptbahnhof Süd und der U1-Station-Steinstraße nur ganze 447 Meter: "Wollen wir für beide Strecken den gleichen Preis?" Das Kriterium der Preisfindung ist also die Entfernung. Alle HVV-Linien sind in Teilstrecken von durchschnittlich 2,5 Kilometern Länge unterteilt. Die Kurzstreckenkarte (1,60 Euro) gilt für eine solche Teilstrecke, die Nahbereichskarte (2,20 Euro) für zwei.

So weit, so logisch. Allerdings wollten die Tarifstrategen den Kunden Gutes tun. Anhand der Hauptverkehrsströme optimierten und verschoben sie die Strecken- und Bezahlgrenzen so, dass Fahrgäste mit Einzelkarten diese möglichst gut ausnutzen können. Das, sagt Rainer Vohl, "hat sich seit fast 50 Jahren bewährt". Aber deshalb kann es passieren, dass man auf einer kürzeren Strecke eine Zahlgrenze überfährt und man bei einer längeren Entfernung im Kurzstreckenbereich bleibt. Logisch? "Die Entscheidung für eine bestimmte Tarifstruktur", so Rainer Vohl, "fällt immer im Spannungsfeld zwischen Gerechtigkeit und Einfachheit." Kurz: Unsere Welt, sie ist tatsächlich kompliziert.