"Natürlich sind wir elitär" – Seite 1

DIE ZEIT: Streichquartette stehen ja im Ruf, ein vergleichsweise junges, besonders gebildetes und progressives Publikum anzuziehen. Aber stimmt das überhaupt? Wer heutzutage ein Streichquartett-Konzert besucht, sitzt in einem betagten, weißhaarigen Publikum vor vier sehr jungen, oft kaum dreißig Jahre alten Musikern.

Raphaël Merlin: Richtig ist: Es gibt heute so viele junge Streichquartette wie nie zuvor. Meine Erklärung für dieses Phänomen lautet: Das Quartettspielen erfordert enorm viel Zeit, Einsatz, Energie. Die Zeit, zwölf Stunden am Tag zu üben, haben wir Musiker selten nach dem Kinderkriegen und nach dem Ankommen im Beruf.

ZEIT: Gucken Sie manchmal ins Publikum und denken: Wo sind die jungen Menschen?

Merlin: Es läuft andersherum: Ist das Publikum einmal überraschend jung, spüren wir das.

ZEIT: Wie erklären Sie sich den Boom der Streichquartette? Es werden so viele Quartette gegründet wie nie zuvor – beim diesjährigen ARD-Wettbewerb, der die Karriere eines Quartetts maßgeblich in Gang bringen kann, waren die Säle schon in der Vorrunde überfüllt.

Merlin: Es ist wie bei den Komponisten: Warum stehen Fauré und Bartók jetzt plötzlich im Zentrum der Repertoires? Letztlich kann niemand diese Fragen beantworten. Was ist das Faszinierende an Streichquartetten? Dass es keinen Dirigenten gibt. Dass man die Kommunikation, die Spannung, den Widerstreit und die Intimität zwischen den vier Musikern auf der Bühne verfolgen kann. Das ist in Zeiten von Facebook und Instagram, in denen Intimitäten ja nur virtuell geteilt werden, schon attraktiv.

ZEIT: Viele sehen im Quatuor Ébène, 1999 in Boulogne gegründet, derzeit eines der besten Streichquartette der Welt: Im Beethoven-Jahr 2020 werden Sie in der Carnegie Hall in New York mit einem reinen Beethoven-Zyklus auftreten. Gleichzeitig hat Ihr Quartett den Ruf, die "Boygroup der Klassik" zu sein.

Merlin: Ach, Boygroup – das klingt schon ziemlich blöd. Natürlich ist es für die Identität des Quartetts wichtig, dass wir vier Männer sind. Als unser Bratschist Mathieu Herzog vor zwei Jahren das Quartett verließ, haben wir mit dem Gedanken gespielt, eine Frau aufzunehmen. Wir kamen dann zu dem Schluss: Die Veränderung durch den Weggang Mathieus war eh schon so gravierend und absehbar – wir hatten Angst, uns zu viel zuzumuten. Und, ganz banal: Wir hatten auch die Sorge, dass sich einer von uns in eine Bratschistin verlieben könnte.

ZEIT: Boygroup zu sein, das bedeutet ja auch, jung, hübsch und gut gekleidet zu sein. Ihr Quartett trägt auf CD-Covern gerne schmale schwarze Quentin-Tarantino-Krawatten.

Merlin: Wir versuchen nicht, hässlich auszusehen, das ist richtig. Aber: Sollen wir unseren Bratschisten danach auswählen, ob er ein hübsches Gesicht hat? Es ist schon schwierig genug, jemanden zu finden, der mit uns Rhythmus, Intonation, Ästhetik und einen Geschmack teilt.

ZEIT: Ein Zitat aus einer Kritik in der New York Times verfolgt Sie geradezu: "ein Quartett, das sich jederzeit in eine Jazzband verwandeln kann".

Merlin: Es gab dieses Konzert im Jahr 2008 im Poisson Rouge in New York, mit dem für uns, im Rückblick lässt sich das so sagen, tatsächlich alles losgegangen ist – ich glaube, wir haben das Mozart-Divertimento, das Debussy-Quartett und, nach kurzer Unterbrechung, eine Sammlung von Jazz-Standards gespielt. Ich erinnere mich, wie ich meiner Sitznachbarin im Flugzeug, die die New York Times las, über die Schulter guckte und dachte: Interessant, welches Quartett ist das, das sich in eine Jazzband verwandeln kann? Das Zitat ist cool, weil es unseren Anspruch unterstreicht, ein offenes, ein anderes Publikum zu erreichen.

"Im Quartett musst du die tiefste Angst deines Nebenmanns teilen"

ZEIT: Das Quatuor Ébène ist eine weltbekannte Marke, den Namen Raphaël Merlin hingegen kennt kaum ein Mensch. Gibt man als Mitglied eines Streichquartetts, vielleicht mit angenehmen Folgen, ein Stück seiner Identität auf?

Merlin: Neunzig Prozent der Zeit ist dieser Status, den Sie beschreiben, ganz wunderbar. Man teilt diese wundervolle Musik, man hat große Wirkung, man kommt herum in der Welt, aber der Druck, den das Musizieren auf höchstem Niveau und die immer größere Bekanntheit mit sich bringen, verteilt sich auf vier.

ZEIT: Sie haben Komposition und Dirigieren studiert, man hat Sie mit Ihrem Quartett auch schon auf der Bühne vierstimmig singen hören. Kann man als Cellist zu viel wollen?

Merlin: Das ist vielleicht mein Problem: Ich bin wie ein Schmetterling, ich möchte immer alles ausprobieren. Als ich 2002 zum Quatuor Ébène stieß, ich gehöre ja nicht zu den Gründungsmitgliedern, musste ich mich sehr disziplinieren. Ich musste alle Nebentätigkeiten – das Jazzklavier, das Komponieren – hintanstellen, um meinen Platz als Cellist zu behaupten.

ZEIT: Das werden Sie sicher oft gefragt, aber man hört die Antwort einfach zu gerne: Was bedeutet die unfassbare Intimität und Nähe, die man den vier Musikern eines Streichquartetts auf der Bühne ansieht, für Ihren Alltag? Welche Strategien haben Sie entwickelt, um sich nicht gegenseitig auf die Nerven zu gehen?

Merlin: Im Quartett musst du die tiefste Angst des Instrumentalisten neben dir teilen können. Aber sicher! Ich erinnere mich, das mag ganz gewöhnlich klingen, als mich bei einer Probe – wir spielten das Quintett in f-Moll von César Franck mit Nicholas Angelich – die Nachricht vom Tod meiner Großmutter erreichte. Natürlich war ich nach diesem Anruf ein anderer, ich habe anders gespielt. Anderes Beispiel: Auf unserer Japan-Tournee musste die Frau unseres Ersten Violinisten Pierre Colombet überraschend ins Krankenhaus, es war ein dramatischer Zwischenfall. Das haben wir alle, natürlich mit Respekt und Distanz, miteinander geteilt. Ganz banal gilt für den Alltag mit einem Quartett: Wir teilen unsere Launen miteinander.

ZEIT: Man stellt sich vor, dass Streichquartette auf der Bühne, aber auch auf Reisen, beim Einchecken im Hotel und beim Kartenspielen, eine Geheimsprache miteinander sprechen.

Merlin: Wir könnten, beispielsweise auf Proben, stundenlang miteinander reden, ohne dass uns jemand versteht – nicht mal derjenige, der perfekt Französisch spricht, versteht uns. Das sind komplett neue Wortkreationen, eine echte Fantasiesprache, die wir benutzen. Nicht mal meine Frau würde uns verstehen.

ZEIT: Zum spezifischen Klang vom Quatuor Ébène: Inwiefern gehen Sie anders an Stücke heran als andere Quartette?

Merlin: Ich möchte mit einem Wort antworten: Farbe. Wir sind besessen von der Idee, dem Publikum dabei zu helfen, die Schönheit der Harmonie des Moments zu genießen. Was einen Klang ja wirklich schön macht, ist die Verbindung der gerade erklungenen und der folgenden Töne. Um die Musik mit unserer Gesprächssituation zu vergleichen: Meine größte Sorge wäre, dass meine Stimme zu monoton und gleichmäßig klingt und Sie, während ich spreche, einschlafen.

"Zu viel Homogenität wäre gefährlich"

ZEIT: Konkretes Beispiel: Haben Sie im Adagio des Schubert-Quintetts etwas entdeckt, das noch kein Quintett vor Ihnen so gespielt hat?

Merlin: Ich kann etwas zum Temperament dieses Satzes sagen: Es ist ein Gespräch zwischen Leben und Tod. Wir spielen das sehr ekstatisch und langsam. Und: sehr lebendig.

ZEIT: Kann der Klang zu perfekt sein? Auch große Fans der Lebendigkeit, Wildheit und Frische von Quatuor Ébène monierten, Ihre Mozart-CD klinge ein wenig zu perfekt, fast kalt.

Merlin: Recht geben muss ich den Kritikern bei einer Feststellung: Es besteht bei uns die Gefahr, dass die Konzerte besser sind als die Aufnahmen. Das Streichquartett ist ein Live-Medium.

ZEIT: Spielen Sie miteinander oder gegeneinander? Also: Soll ein Streichquartett homogen, wie eine Stimme, oder heterogen, wie der Widerstreit der Stimmen, klingen?

Merlin: In der Musikgeschichte sind ein Quartett ursprünglich vier Geigen, also schon sehr homogen. Mein Gefühl ist, dass wir über viele Jahre an unserer Homogenität gearbeitet haben. Und jetzt allmählich aufpassen müssen: Zu viel Homogenität wäre gefährlich. Mit unserem neuen Bratschisten Adrien Boisseau ist der Klang Gott sei Dank wieder disparater geworden.

ZEIT: Wir möchten uns mit Ihnen noch einmal über die Grenzen von Klassik und Pop unterhalten. Vergleicht man das Streichquartett mit einer Popband, sind Sie da als Cellist eher der Bass oder das Schlagzeug?

Merlin: Ich habe das Cello in anderen Zusammenhängen einmal als schizophrenes Instrument bezeichnet: Es ist das Instrument, das innerhalb sehr kurzer Zeit von Schlagwerkzeug zu Bass zu Sänger wechseln, also die Farbe ausdrücken muss. Die stärkste rhythmische Verantwortung liegt klar beim Cello. Die Sicherheit des Cellos macht es möglich, dass die anderen drei Instrumente improvisieren und ein Rubato spielen können. Ich zitiere hier mein Lieblingsbild, wie sich ein Streichquartett aufbaut: Wenn das Quartett ein Baum ist, dann ist das Cello die Wurzel, der Stamm wäre die Bratsche, die Äste wären die Zweite Geige, während die Blätter die Erste Geige sind – sie bringt das Licht, den Wind, die Zerbrechlichkeit, die Identität in das Spiel.

ZEIT: Wie weit geht Ihr Interesse für populäre Musik? Hören Sie HipHop? Auch billige Chart-Produktionen?

Merlin: Die Gefahr ist nicht, dass man etwas nicht mag, das wäre normal. Die Gefahr ist, dass wir als Streichquartett eine Musik ignorieren, weil sie nicht zum klassischen Repertoire gehört.

ZEIT: Abseits der obsolet gewordenen Unterscheidung von E- und U-Musik: Was ist im Jahr 2017 denn überhaupt klassische Musik?

Merlin: Ich denke, klassische Musik ist schriftliche Musik. Sie braucht Stille, sie braucht keine Lautsprecher. Klassische Musik muss dabei nicht unbedingt tiefer oder schwieriger sein als Jazz oder Pop – ein Händel-Menuett ist vielleicht einfacher und voraussehbarer als ein Chanson von Jacques Brel oder ein Track von Jamiroquai.

ZEIT: Sie haben mit dem Quatuor Ébène ein Album mit Songs aus Quentin-Tarantino-Filmen aufgenommen, auf der Bühne haben Sie auch schon den Beatles-Song Come Together gespielt. Blöde Frage, aber sind Tarantino-Songs, von einem Streichquartett eingespielt, nicht Quatsch?

Merlin: Also, für mich war das Tarantino-Album ganz sicher kein Quatsch – es war, im Gegenteil, ein Riesenvergnügen, die Grenzen zur populären Musik zu übertreten. Natürlich, das Album hat sicher nicht den Anspruch von Alban Bergs Lyrischer Suite. Es war ein Experiment, und es hat uns einen enormen Popularitätsschub eingebracht. Mit dem Surf-Riffle-Thema von Pulp Fiction haben wir auf YouTube 200.000 Klicks bekommen.

ZEIT: Auf der Website Ihres Quartetts steht als Überschrift zu einem Konzertmitschnitt: Schubert! Was bringt das Ausrufezeichen hinter Schubert?

Merlin: Es gibt dem Glück Ausdruck, das wir nach einem Konzert in Brüssel empfunden haben. Das war das einzige Konzert auf der ganzen Tournee, bei dem wir das Programm der gesamten Schubert-CD auf die Bühne bringen konnten.

"Junge klassische Musiker werden ihr Leben auf YouTube verbringen"

ZEIT: Kriegen Musiker das junge Publikum, indem sie sich der Songs und der Codes des Pop bedienen? Anders gefragt: Warum kann sich der Cellist eines sehr bekannten Streichquartetts nicht einfach damit abfinden, dass er nie die ganz große, die breite Masse erreichen wird?

Merlin: Wer sagt, dass ich mich nicht damit abfinde? Ich sage: Natürlich sind wir elitär – ich habe kein Problem damit, zuzugeben, dass das Streichquartett von Natur aus ein elitäres Genre ist. Dass die klassische Musik vor allem von älteren Menschen rezipiert wird, das war für mich immer selbstverständlich.

ZEIT: Interessant, dass Sie das so deutlich aussprechen.

Merlin: Ich möchte nicht abgehoben klingen, wenn ich das so sage – es ist nicht arrogant gemeint. Das Ravel-Streichquartett oder Schuberts Der Tod und das Mädchen haben die Kraft, auch ein Kind emotional sehr stark zu berühren. Aber unsere Erfahrung ist: Wer zwischen zwanzig oder vierzig Jahre alt ist, der wird nicht spontan ein Streichquartett besuchen. Es gibt soziologische Gründe für die begrenzte Popularität des Streichquartetts. Man findet Gründe auch in der mangelnden Diversität der Klangfarbe: Wir haben keine Bläser, kein Klavier. Auch in der Dynamik sind wir begrenzt: Selbst wenn wir ein Forte oder ein extremes Fortissimo spielen, bringen wir das Blut des Publikums nicht zum Kochen. Wir sind ein intellektuelles Medium.

ZEIT: Das Streichquartett – die Essenz der klassischen Musik. Viele sagen ja, Beethoven oder Brahms haben in ihren Streichquartetten ihre bedeutendste Musik geschaffen. Stimmen Sie zu?

Merlin: Tatsächlich, die Ideen im Streichquartett sind oft tiefer als in der Klaviermusik oder in der sinfonischen Musik. Unser ehemaliger Bratschist Mathieu hatte sich schon vor seinem Abschied für das Dirigieren interessiert. Ich erinnere mich genau, wie er da mit der Partitur von Beethovens Erster Sinfonie saß und sagte: Beethoven-Sinfonien sind super, aber, Entschuldigung, im Vergleich zu den Quartetten ist das Kindermusik, das ist Orangensaft! Noch ein simples Beispiel: Beethovens Große Fuge op. 133 ergäbe im Orchester keinen Sinn, das geht nur im Quartett.

ZEIT: Vielleicht ein naiver Gedanke: Sind Sie als Streichquartett-Musiker weniger vom Markt korrumpiert, weil in Ihrem Segment, anders als bei sinfonischer Musik und bei Klaviermusik, noch nie viel Geld verdient wurde?

Merlin: Die Wahrheit ist, dass der Klassikmarkt insgesamt praktisch verschwunden ist – Deutschland ist das letzte Land, in dem klassische CDs verkauft werden. 99 Prozent der klassischen Musiker, die jünger als zwanzig Jahre sind, werden ihr ganzes Leben auf YouTube verbringen.

ZEIT: Sie sagen, das Streichquartett sei ein Live-Medium. Ist das Verschwinden der Klassik-CD dann nicht auch eine gute Sache?

Merlin: Dass die gemeinsame Erfahrung des Konzerts eine größere Wichtigkeit erfährt, das ist doch wunderbar! Und wir versuchen natürlich, ein Teil dieser großen Entwicklung zu sein: Wenn wir 2020 mit einem Beethoven-Zyklus auf Tournee gehen, dann wird uns ein Filmteam begleiten und einen YouTube-Film produzieren. Wir wollen zeigen, wie unterschiedlich das Publikum auf der ganzen Welt auf Beethoven reagiert.

ZEIT: Jetzt spüren wir bei Ihnen, zum Abschluss des Gesprächs, eine interessante Unruhe oder Unzufriedenheit. Hätten Sie gerne ein ganz anderes, viel intellektuelleres Gespräch geführt?

Merlin: Nein, nein. Vielen Dank. Beim nächsten Treffen sprechen wir dann nur über Nietzsche, Schopenhauer und Kierkegaard.