Wenn Kais und Laila davon erzählen, wie sie sich ineinander verliebt haben, kichern sie vor Verlegenheit und verstecken die glühenden Gesichter hinter ihren Händen. Kais sagt, er habe damals mit seinen Freunden Basketball gespielt, es war ein sonniger Tag, als in Syrien noch keine Bomben fielen. Laila stand am Rand und wusste alles besser: "Du solltest mich an deiner Stelle spielen lassen, dann habt ihr auch eine Chance zu gewinnen." Bald küssten sie sich zum ersten Mal. Anfangs hielten sie ihre Liebe geheim, weil sie das aufregend fanden. Heute, drei Jahre später, ist dieses Geheimnis zur Last geworden.

Kais heißt in Wahrheit nicht Kais und Laila nicht Laila. Er ist 21 Jahre alt und sie 15, die beiden sind Cousin und Cousine und seit zwei Jahren nach dem syrischen Scharia-Recht verheiratet. Ihre Ehe ist eine Kinderehe. Die beiden Flüchtlinge wohnen zurückgezogen in einer deutschen Stadt. An ihrer Liebe entzündete sich ein politischer Skandal, mit dem sich nun der Bundesgerichtshof befassen wird.

Die Frage, wie mit minderjährig Verheirateten umgegangen werden soll, ist nicht neu. Doch nun werden mit den Geflüchteten, vor allem jenen aus Syrien und Afghanistan, die Fälle zahlreicher. In Deutschland leben laut dem Ausländerzentralregister etwa 1.500 Minderjährige mit dem Familienstand "verheiratet". Die Dunkelziffer wird von den Behörden deutlich höher geschätzt. In den meisten Fällen sind es die Mädchen, die noch nicht volljährig sind. Jede vierte ist jünger als 14 Jahre.

Die Bundesregierung will Ehen wie die von Kais und Laila auflösen. Die Einzelfallprüfung, die es bisher gibt, soll wegfallen. Eine Gruppe von Frauen aus beiden Koalitionsfraktionen hat einen Vorschlag vorbereitet, wonach Familiengerichte die Kinderehen aufheben sollen – was juristisch einer Scheidung gleichkäme.

Es soll ums Kindeswohl gehen, darin sind sich alle einig. Nur, was ist Kindeswohl?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Man kann in den Gesichtern von Kais und Laila lange nach den Spuren ihrer Erlebnisse suchen. Doch man sieht nur Kindergesichter, der Blick ist direkt, keine Narben, keine Schatten. Die beiden sitzen auf ihrem Ehebett. Laila, die ein Kopftuch trägt, ist klein und etwas schüchtern. Kais wirkt nur unwesentlich älter, mit Gelfrisur und Goldkettchen. Die Bettwäsche ist in den Deutschlandfarben gehalten. Seit einem Jahr wird das Paar von deutschen Behörden immer wieder dasselbe gefragt: Seid ihr aus freien Stücken zusammen? Ist eure Liebe echt?

"Wir kennen uns schon unser ganzes Leben lang", sagt Kais, "die Liebe war einfach schon immer da." Laila nickt nur, ihr Vormund, das Jugendamt, hat ihr nicht erlaubt, mit Journalisten zu sprechen. Auch Kais wurde vom Amt gebeten, sich nicht öffentlich zu äußern. Er tut es trotzdem. Sie haben schon viel über sich in der Zeitung gelesen, seit das Oberlandesgericht Bamberg ihre Ehe im vergangenen Sommer für gültig erklärt hat. Die feministische Zeitschrift Emma nannte das Urteil skandalös, weil Frauen doch selbstbestimmt und frei leben sollten. Bayerns Justizminister Winfried Bausback schrieb auf Facebook: "Das mittelalterliche Rechtsverständnis anderer Staaten widerspricht unserem Verständnis von Minderjährigenschutz."

Jetzt wollen Kais und Laila ihre Geschichte selbst erzählen. Die Wohnung des jungen Ehepaars ist klein, eine Ansammlung von Provisorien. Es gibt keinen Kühlschrank, die Lebensmittel werden auf einer Kommode gelagert, die Vorhänge verdecken nur die Hälfte des Fensters, an der Wand hängt eine Zeichnung des Paars, darauf überall Lippenstiftküsse.

Ab wann weiß ein Kind, was es will?

Kais und Laila wuchsen gemeinsam in einem syrischen Dorf auf. Ihre Familien wohnten nebeneinander, die beiden Jugendlichen waren erst befreundet, dann wurden sie ein Paar. Laila, sagt Kais, wollte sofort heiraten. Er fand, es sei noch zu früh. Kurz darauf brach der Krieg aus, und sie entschieden sich dazu, gemeinsam zu fliehen. Die Eltern und sie selbst wollten dafür einen gesetzlichen Rahmen. Also heirateten die Verliebten, es war eine traditionelle syrische Hochzeit. Laila war 14, Kais 19.

Die Flucht, erzählt er, habe Monate gedauert. Mit dem Schlauchboot hätten sie es beim zweiten Versuch nach Griechenland geschafft. Kais Stimme versagt, seine Augen füllen sich mit Tränen. Ob es ihm geholfen hat, dass Laila die ganze Zeit über an seiner Seite war? "Das hat es auch schwer gemacht. Ich konnte nachts nicht schlafen und traute mich tagsüber nicht, sie einen Augenblick aus den Augen zu lassen. Ich hatte solche Angst um sie."

Die Kinderschutzorganisation SOS-Kinderdörfer schätzt, dass jede zweite Syrerin bei der Hochzeit noch minderjährig ist. Vor dem Krieg waren es noch 15 Prozent. Viele dieser Ehen werden in Flüchtlingslagern geschlossen oder kurz vor der Flucht. Die Eltern der Braut hoffen, dass der Ehemann ihrer Tochter diese vor sexueller Gewalt auf der Flucht oder in den Notunterkünften beschützt. Jene, die nun ein Verbot der Kinderehe fordern, wollen im Grunde dasselbe: die Mädchen schützen. Eine frühe Ehe bedeutet oft auch eine frühe Schwangerschaft, sexueller und häuslicher Gewalt sind Minderjährige schutzlos ausgesetzt, vor allem wenn die Ehemänner viel älter sind als sie.

Bundesjustizminister Heiko Maas setzte sich zunächst dafür ein, weiterhin bei der Einzelfallprüfung zu bleiben und dafür das Trennungsverfahren bei Zwangsehen zu beschleunigen. "Unfassbar" fand Frauke Petry das. "Wollen wir das tatsächlich als kultursensibel tolerieren", fragte sie im September vor dem Sächsischen Landtag, "wenn uns gesetzte Herren auf der Straße mit ihren 14-jährigen Bräuten entgegenflanieren?"

Maas ist inzwischen zurückgerudert, nun soll es doch ein pauschales Verbot geben. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann verkündete kürzlich die gemeinsame Linie der Koalition: "Wir wollen keine Kinderehen. Zur Ehe gehören zwei volljährige Partner."

Als Kais und Laila im Sommer 2015 in Deutschland ankamen, wurden sie getrennt. Mit ihren 14 Jahren wurde Laila vom Jugendamt in Obhut genommen. In den ersten drei Monaten wurde ihnen kein Kontakt zueinander erlaubt. Kein Treffen, kein Telefonat, keine Nachricht. Danach durften sie sich alle zwei Wochen für eineinhalb Stunden sehen, unter Aufsicht des Jugendamtes. Kais sagt, er sei rasend wütend gewesen, weil man ihm seine Frau weggenommen habe. Nach der Wut kam die Verzweiflung. "Ich habe nie gezeichnet, aber in dieser Zeit habe ich damit angefangen: Ich hatte kein Foto von uns, also habe ich eins gezeichnet." Es ist das Bild mit den Lippenstiftküssen, eine Bleistiftzeichnung des Liebespaars, die Gesichtszüge gut getroffen.

Anfang 2016 klagte Kais, um bei seiner Frau sein zu dürfen. Das Amtsgericht Aschaffenburg sagte Nein, doch das Oberlandesgericht Bamberg widersprach. Ihre Ehe war jetzt gültig. Laila und Kais durften zusammenziehen, mit enger Einbindung einer Betreuerin vom Jugendamt. Die Stadt Aschaffenburg legte allerdings Beschwerde gegen das Urteil ein, inzwischen ist der Fall vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe gelandet.

Per Gesetz darf man in Deutschland erst mit 18 Jahren heiraten, in Ausnahmefällen und mit Einverständnis der Eltern mit 16 Jahren. Eine religiöse Hochzeit ist schon früher möglich, nach dem katholischen Kirchenrecht etwa kann man sich in Deutschland bereits mit 14 Jahren trauen lassen – das wäre aber keine gültige Zivilehe. Wenn ein Paar außerhalb Deutschlands heiratet und mit diesem Status nach Deutschland kommt, verhält es sich anders. Verlief die Eheschließung den Gesetzen des Herkunftslandes gemäß, gilt die Ehe auch hier, sofern sie mit den Grundsätzen des deutschen Rechts vereinbar ist.

In Deutschland ist man ab 14 Jahren strafmündig, mit 17 darf man den Führerschein machen, mit 14 Jahren darf man Sex haben. Aber ab wann weiß ein Kind, was es will? Wann kann es Liebe von Freundschaft unterscheiden?

"Unsere Töchter waren mit 14 Jahren noch nie in der Situation, über eine Heirat ernsthaft auch nur nachzudenken", sagt Nadjma Yassari vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg. "Aber ein syrisches Mädchen, das den Krieg erlebt hat, dessen Mutter früh geheiratet hat?" Die Juristin beschäftigt sich seit Jahren mit den kulturellen und gesetzlichen Widersprüchen, die entstehen, sobald die islamische und die deutsche Rechtsordnung aufeinandertreffen. "Der Staat darf muslimischen jungen Mädchen nicht pauschal ihr Selbstbestimmungsrecht absprechen, genauso wenig natürlich wie dem Ehemann", sagt sie.

Nadjma Yassari findet, dass das deutsche Recht mit der Einzelfallprüfung bereits alle Möglichkeiten hat, dem Problem gerecht zu werden. Familienrichter und Sozialarbeiter könnten sich den entscheidenden Fragen durchaus annähern: "Haben die beiden Kinder? Verstehen sie sich? Wie groß ist der Altersunterschied? Ist die Frau ganz allein in Deutschland? Diese Fragen können helfen, zu beurteilen, ob eine Ehe mit der deutschen Rechtsordnung vereinbar ist."

Wird eine Minderjährigenehe in Deutschland nicht anerkannt, ist das besonders für die Mädchen mitunter mit massiven Problemen verbunden. Manche geben deshalb bei der Einreise in Europa ihr Alter nicht wahrheitsgemäß an. Würden diese Ehen generell für unwirksam erklärt, würde das bedeuten, dass sie nie bestanden haben. Damit hätten sie in Deutschland keinen Anspruch auf Rechte, die sich aus einer Ehe ergeben. Die Minderjährigen hätten keine Unterhaltsansprüche, ihre Kinder wären mit einem Mal unehelich. Eine Rückkehr in die Heimatländer könnte beinahe unmöglich werden. Denn im Herkunftsland bleibt die Ehe bestehen, auch wenn Deutschland sie nicht anerkennt. Hat die Frau in Deutschland ein zweites Mal geheiratet, macht sie sich in ihrem Heimatland der Bigamie strafbar.

Kais besucht inzwischen einen Deutschkurs, er hat größere Schwierigkeiten mit der Sprache als Laila. Sie geht zur Schule, versteht und spricht schon relativ gut Deutsch. Kinder sind für das Paar noch kein Thema: Sie wissen, dass eine Schwangerschaft vieles noch viel schwieriger machen würde. Alles, was sie wollen, sagt Kais, sei ein normales Leben.

Sie haben sich für das Treffen mit der Zeitung die Namen Kais und Laila gegeben, nach den zwei Liebenden in einer im vorderasiatischen Raum populären Tragödie aus dem 7. Jahrhundert. In der Geschichte dürfen Kais und Laila nicht zusammen sein, weil ihre Eltern es nicht erlauben. Kais verkraftet die Trennung nicht und wird wahnsinnig. Er sieht Laila nur noch ein einziges Mal, bevor er stirbt. In Syrien kennt jeder diese Geschichte, so wie hier jeder weiß, was Romeo und Julia geschehen ist. Kais sagt, er hoffe auf ein anderes, besseres Ende für ihn und Laila.

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