Ein alter, zumindest älterer Mann, vielleicht bettlägerig, starrt auf eine leere Wand und meditiert. Ihm ist ganz wohl dabei, er befindet sogar: "Mir geht es ein bisschen zu gut." Was ist Ziel und Ertrag seiner Meditation? Er will "unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt". Er will sich seinen Mitmenschen entziehen, zwar nicht gleich so, "als hätte ich dann aus großer Höhe niedergesehen auf das Interessengewusel. Aber dass ich für die da drunten gegen einander um mich kämpfenden Interessen nicht mehr erreichbar war, erlebte ich doch." Und das erleichtert ihn dann. "Und ich musste dann zugeben: Mir geht es ein bisschen zu gut."

Schön. Aber selbstverständlich vollkommen erlogen. Denn nachdem Martin Walsers alternder Erzähler ein Weilchen über die Segnungen gedanklicher Weltdistanzierung philosophiert und gedichtet hat (Verse sind auch dabei), beginnt er die nächsten hundert Seiten wild zu schäumen und zu hadern mit den Menschen, die solche Meditationsanstrengungen überhaupt erst nötig gemacht haben. Es sind vor allem zwei Sorten von Menschen, aber mehr Menschensorten gibt es in diesem Leben auch nicht: erstens seine Feinde – und zweitens die Frauen.

Seine Feinde haben große Ähnlichkeiten mit den Frauen (wie sich indes erst nach und nach herausstellt). Die Feinde wie die Frauen beschäftigen sich unablässig mit ihm. Die Feinde kritisieren ihn von morgens bis abends, sie finden Fehler und Verfehlungen in allem, was er tut, aber nicht aus sachlichen Gründen, sondern aus Gründen der Selbstgerechtigkeit, der Selbsterhöhung und zu Zwecken der Machtausübung. Von einem Feind heißt es sogar, er habe sich gerühmt, nach der vernichtenden Kritik an dem Erzähler zehn Zentimeter gewachsen zu sein, während er, der Erzähler, im Gegenzug geschrumpft sei, bis er, "allein zu Hause am Schreibtisch sitzend, plötzlich merkte, dass seine Füße nicht mehr bis zum Boden reichten".

Martin Walser - Eine große Meditation über sich selbst Martin Walser hat ein kindliches, leidendes Buch geschrieben. Es besteht aus Fragmenten, in denen er wieder mit seinen Feinden abrechnet, sagt Iris Radisch im Lesetipp.

Das sagt er nicht nur im Spott. Denn der Erzähler nimmt sich alles zu Herzen, er ist ein eigentümlich wehrloses, qualliges Wesen, durchlässig nicht nur für die Wirkungen einer leeren Wand, sondern auch für jede Kritik. Die Vorwürfe wandern in seine Gedanken ein, am Ende werden seine Gedanken zu Repräsentanten der Feinde, sie erobern seinen Kopf, er ist nicht mehr Herr im eigenen Haus, der Ärmste. Das hat mit einer zweiten Eigentümlichkeit des Erzählers zu tun: Er widerlegt die Vorwürfe nicht (sie sind ja ohnehin sachlich haltlos), er reagiert mit Zustimmung, Selbstbezichtigung, er versucht das Strafmaß durch Geständnis und Selbstanklage zu verkleinern. Jawohl, er habe immer, von klein auf, Unrecht getan und im Unrecht gelebt, aber nicht aus Bosheit, sondern weil er allen immer alles recht machen wollte – um geliebt zu werden.

Und damit sind wir bei der zweiten Herausforderung dieses Lebens: den Frauen. Es ist klar, wenn man auch allen Frauen alles recht machen will – alle Erwartungen aller Frauen erfüllt, um von allen geliebt zu werden –, dann wird man jede einzelne enttäuschen. Dies gilt umso mehr, da Liebeserwartungen im Allgemeinen auf Ausschließlichkeit gerichtet sind. Mit dieser Ausschließlichkeit beginnt der Erzähler nun ausführlich zu hadern, bis hin zu dem Verdacht, es handele sich um eine christliche Borniertheit ("Dieses Gebot ist verschwistert mit dem Gebot, dass man nur einen Gott verehren dürfe"). Damit wird aber auch klar, worauf die verquere Psychologie – die selbstverliebte Selbstanklage – im Kern beruht: auf dem schlechten Gewissen des multipel untreuen Fremdgängers.

Wer an so vielen enttäuschten Erwartungen so vieler Frauen, auf die er nicht verzichten wollte, schuld geworden ist, wird sich nie mehr ganz im Recht fühlen – und noch weniger, wenn er schon an so vielen Frauenherzen die Verteidigungsstrategie des willenlosen Einknickens ausprobiert hat, des sofortigen Einräumens und Zugebens. "Ich nickte, klatschte, trotzte und protzte in allen Variationen der Selbstpreisgabe, die mir erdenklich waren." Tatsächlich sieht auch dies der Erzähler überklar: dass die Übernahme aller Vorwürfe ihrerseits einen unfairen Vorwurf enthält und jedenfalls keine Besserung in Aussicht stellt, sondern nur abermals so tut, als könne man immer weiter allen alles recht machen.