Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Mein alter Lodenmantel war am Ärmel etwas abgestoßen. Ein qualitativ hochwertiges Teil, ich hatte ihn direkt beim Lodenwalker gekauft, ein Herrenmantel in kleiner Größe, er passte mir wie angegossen. Früher hätte ich ihn unverdrossen weitergetragen, aber mit dem Alter wird man doch etwas pingeliger. Irgendwie störte mich der kleine Makel am Saum bei jedem Tragen mehr und mehr. Sollte ich das gute Stück noch bis zum nächsten Winter behalten oder die Reduktionen der auslaufenden Saison nutzen? Ich entschloss mich zu einem Einkaufsbummel. Wenn mir ein Mantel gefallen sollte, würde ich den alten aussortieren, wenn nicht, könnte er mich auch noch ein Jahr wärmen. Aber tatsächlich: Nach längerer Suche entdeckte ich einen schönen Mantel, ebenfalls aus Loden, noch dazu erfreulich reduziert. Die Verkäuferin packte ihn sorgfältig in Seidenpapier ein. Zufrieden strebte ich mit meiner Tüte nach Hause. Daheim würde ich den alten Mantel in den Keller hängen, bei der Gartenarbeit will man schließlich auch nicht frieren.

Es war einer dieser eiskalten Tage, die Deutschland eingefroren hatten. Minus 15 Grad zeigte das Thermometer. In den Eingängen mancher Läden lagen Obdachlose unter Decken. Im Radio hatten sie berichtet, dass viele Menschen in Europa erfroren seien, die meisten von ihnen obdachlos. Ich kam an einem Mann vorbei, seine schmächtige Gestalt zeichnete sich unter der dreckigen Daunendecke ab, unter der er sich verkrochen hatte. In seinem Bart glitzerten die Eiskristalle. Mein alter Mantel wärmte mich gerade hervorragend. "Brauchen Sie einen Mantel?", fragte ich den Mann. Er schaute verständnislos und antwortete in einer Sprache, die ich nun wieder nicht verstand. Ich deutete auf meinen Mantel, er begriff nicht und hüllte sich in seine Decke. Irgendwie wirkte er ängstlich. Ich ging ein paar Schritte weiter. Ja, und dann habe ich einfach meinen Mantel ausgezogen und bin zurückgegangen und habe dem Mann meinen Mantel gereicht. Er hat ihn, fast ein bisschen zögernd, angenommen. Der Mantel war noch warm vom Tragen. In diesem Moment habe ich gehofft, dass meine Wärme dem Mann wohltun möge.

"Cool, Mama, du bist besser als Sankt Martin, der hat nur die Hälfte seines Mantels abgegeben", befand mein Sohn, als ich ihm die Geschichte erzählte. Ich war unsicher. Hätte ich dem Mann besser Geld geben sollen? So großzügig wie Sankt Martin war ich schließlich auch nicht gewesen, ich musste nicht mit einem halben Mantel weiterleben, sondern hatte an der nächsten Ecke meinen neuen Mantel aus der Tüte gezogen und war warm und geschützt daheim angekommen. Ich hatte auch nicht abgewartet, ob dem Mann mein Mantel passte oder nicht. Ich hätte ihn sowieso nicht mehr zurückgenommen, nachdem er ihn angezogen hatte. Überleben Flöhe bei Minusgraden? Ich merkte, wie ich mich meines Ekels schämte. "Ich find’s cool, Mama, wirklich. Du bist meine Sankt Martina."