Die Geschichte über die Macht der Zuversicht könnte im Silicon Valley beginnen, wo Ingenieure daran tüfteln, nun auch Touristen ins Weltall zu katapultieren und auf Erden Passagiere mit Überschallgeschwindigkeit durch Transportröhren zu jagen. Sie könnte auch in China spielen, wo die längste Meeresbrücke, das schnellste Bahnnetz, das größte Wasserkraftwerk der Welt nur beispielhafte Bürgen sind für den Glauben an das nie enden wollende Wachstum.

Aber unsere Geschichte über die Kraft des Optimismus beginnt in einem Land von der Größe Sachsen-Anhalts, das wie kaum ein anderes vom Pessimismus beherrscht sein müsste, aber nicht ist: in Israel. Ein Land, umzingelt von feindlichen Staaten, gefangen in einem schier unlösbaren Konflikt, der bis heute acht Kriege, unzählige Selbstmordanschläge und Zehntausende Tote verursacht hat. Die dort Lebenden kennen Krieg und Terror, aber keinen Frieden. Man könnte erwarten, dass sie in all den Jahren die Hoffnung verloren haben und sich in Zynismus und Zukunftsverdrossenheit flüchten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Auf diesem ausgedörrten Streifen Land am Mittelmeer, wo sich überall und zu jeder Zeit ein zu allem Entschlossener in die Luft sprengen könnte – ausgerechnet hier blüht die Zuversicht. Das unbeirrbare "Jetzt erst recht".

Kaum jemand verkörpert diesen trotzigen Optimismus mitreißender als eine 30-jährige Frau mit dunklen Haaren und weißer Bluse, unter der sich ein Babybauch wölbt. Sie sitzt in einem verglasten Besprechungsraum in Netanja, eine halbe Autostunde nördlich von Tel Aviv, und redet auf Englisch schneller, als andere denken. Kira Radinsky zählt zu den erfolgreichsten Jungunternehmern Israels, eines Landes, das pro Einwohner mehr Start-ups hervorbringt als jeder andere Staat der Erde. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes zählte Radinsky zu den 30 Technologie-Stars unter 30 Jahren.

Ich mache gerne Dinge, von denen andere sagen, sie seien unmöglich.

Die junge Israelin hat eine prophetische Software entwickelt, mit deren Hilfe Unternehmen anhand unzähliger Daten das Kaufverhalten ihrer Kunden vorausberechnen können. Im Sommer hat Radinsky ihre Firma SalesPredict für 40 Millionen Dollar an eBay verkauft. Jetzt ist sie die Datenchefin für eBay in Israel. Sie sagt: "Ich mache gerne Dinge, von denen andere sagen, sie seien unmöglich. Aber wenn ich mir etwas vorstellen kann, ist es nicht länger unmöglich. Dann kann ich es auch erreichen." Und was könnte Radinskys Zuversicht klarer unterstreichen als das Kind, das sie in diesen Tagen erwartet? Eine Frau in Israel gebiert im Schnitt drei Kinder, eine in Deutschland nur halb so viele.

Radinskys Optimismus wirkt seltsam deplatziert in einer Zeit, in der die Zukunft vielen Menschen bedrohlicher erscheint als je zuvor. Gerade die Deutschen haben Angst. 73 Prozent fürchten sich vor Terror, 68 Prozent vor politischem Extremismus, 67 Prozent vor Zuwanderung, wie aus einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der R+V-Versicherung hervorgeht. 2016 sei das Jahr der Ängste, schreiben die Versicherer.

Und wen wundert es? Wer die Zeitung aufschlägt, den Fernseher einschaltet, die Schlagzeilen im Internet anklickt, blickt in eine bedrückende Welt. Allerorten toben Kriege, schwelen Krisen, wüten Katastrophen. Die Zukunft? Ist düster, mit viel Glück ungewiss.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Optimist wie ein Narr, der lacht, weil er noch nicht begriffen hat, dass alles zum Heulen ist. Doch Optimismus, dieser kostenlose, tief im Menschen ruhende und häufig unerschlossene Rohstoff, ist der große Motor des Lebens – und die wichtigste Antriebskraft einer Volkswirtschaft. Nicht dem Öl, nicht dem Stahl, nicht dem Breitbandkabel verdankt die Ökonomie ihr Fortkommen, sondern allein dem Streben nach einer besseren Zukunft. Ohne die Zuversicht des Machens hätte nie ein Mensch es gewagt, den Ozean zu überqueren, den Mount Everest zu bezwingen, einen Fuß auf den Mond zu setzen. Wir säßen heute noch in Pferdekutschen und schickten Brieftauben durch die Luft. Es gäbe weder Elektrizität noch Penicillin, noch das Internet. Pionierpersönlichkeiten wie Carl Benz, Werner von Siemens oder Steve Jobs, sie alle eint der tiefe Glaube an eine Zukunft, die den Zuversichtlichen belohnt.

Doch woher schöpfen Menschen diese Kraft? Ist Radinskys Zuversicht das Ergebnis ihres Erfolgs oder die Voraussetzung dafür? Ist Optimismus angeboren? Die Suche nach Antworten führt die Reporterin zurück in Israels Gründerszene, zu einem Weltmarktführer nach Baden und auf eine Burg in Nordhessen, die von einem früheren Börsenstar bewohnt wird. Am Ende der Reise wird klar: Es gibt einen glücksbringenden und einen verhängnisvollen Optimismus. Der eine nährt sich aus der Leidenschaft, der andere aus dem Leichtsinn.

Die Chancen, als Optimist geboren zu werden, stehen gut. "80 Prozent der Menschen sind unrealistisch optimistisch", sagt Tali Sharot vom University College London. Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin hat dem optimism bias – unserem Hang, die Zukunft rosiger zu sehen, als sie sein dürfte – ein Buch gewidmet. Zum Schönmalen tendieren demnach Frauen wie Männer gleichermaßen, Menschen jeden Alters und aus allen Kulturkreisen.