Kürzlich ist Herrenknecht von einer Delegationsreise mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zurückgekehrt, fünf Tage Peking, Chengdu und Hongkong. Er erzählt vom Aufstiegshunger der Chinesen. "Die greifen an", sagt er, da könne es einem bange werden um Deutschland. Denn: "Der Deutsche ist ein Angsthase geworden. Er würde am liebsten eine Mauer um Deutschland bauen und alles bewahren, so wie es ist." Nichts symbolisiert die Fortschrittsangst in seinen Augen besser als das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.

Der Streit um den neuen Tiefbahnhof setze die "Glaubwürdigkeit des Technologiestandorts Deutschland" aufs Spiel. "Wenn du stehen bleibst, ist es vorbei", sagt er. Pfeifen, Würstchen, Kindsköpfe nannte Herrenknecht die Montagsdemonstranten damals, er erntete Hassbriefe und ein zerkratztes Auto. Den Vorwurf, er handle aus Eigennutz, weil er mit Millionenaufträgen von der neuen Bahnstrecke nach Ulm profitiert, weist er zurück: So was habe er nicht mehr nötig. Das trifft wohl zu: In Deutschland macht seine Firma bloß noch fünf Prozent ihres Umsatzes.

Der Vorstandschef MH hat seinen Vertrag gerade bis 2018 verlängert. Dann wird er 76 sein. Ans Aufhören denkt er trotzdem nicht. "Was soll ich zu Hause? Meine Frau ärgern?", fragt er. "Ich habe noch Antrieb, und ich bin noch fit."

Das eine hängt mit dem anderen zusammen, wie Studien belegen: Optimisten sind nicht nur die glücklicheren Menschen, sie sind auch gesünder und leben länger als Pessimisten. Sie essen mehr Vitamine, weniger Fett und treiben mehr Sport. Wer weniger um die Zukunft bangt, leidet seltener unter Stress, schont Herz und Nerven. Von einer Bypass-Operation etwa erholen sich Optimisten schneller als Pessimisten, wie Psychologen aus Pittsburgh nachweisen konnten. Eine Studie mit Krebspatienten in den USA zeigte, dass resignierte Patienten unter 60 nach der Diagnose schneller starben als ihre hoffnungsvollen Altersgenossen.

So weit, so gut. An dieser Stelle im Text müssen wir einen Schnitt machen, denn auch der Optimismus stößt an Grenzen. Es gibt nämlich nicht bloß einen hilfreichen, es gibt auch einen unheilvollen Optimismus: den Leichtsinn. Dazwischen liegen manchmal nur drei Gläser Rotwein. Zu diesem Fazit kommen Manju Puri und David Robinson von der Duke University in North Carolina, die Daten der Survey of Consumer Finances auswerteten, bei der US-Bürger regelmäßig zu Einkommen, Vermögen und Altersvorsorge befragt werden. Eine Frage lautet: "Wie lange, glauben Sie, werden Sie leben?" Die geschätzte Lebenserwartung gleichen die Finanzwissenschaftler jeweils mit dem Lebensalter ab, das die Person – abhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildung oder Nikotingenuss – statistisch zu erwarten hat. Dann teilen sie die Befragten in moderate und extreme Optimisten ein. Letztere sind gewiss, ihren statistischen Tod im Schnitt um 20 Jahre zu überleben.

Was Puri und Robinson herausfanden, verleiht den hoffnungslos Zuversichtlichen, die sich bis hierhin bestätigt fühlen mögen, einen Dämpfer: Zwar arbeiten Optimisten härter und länger als ihre skeptischen Zeitgenossen. Sie sparen auch mehr und zahlen ihre Schulden schneller ab. Doch all das trifft nur auf die gemäßigt Zuversichtlichen zu. Extreme Optimisten hingegen sind fauler, geben ihr Geld lieber aus oder legen es kurzfristig an. Sie leben in den Tag hinein, sind anfälliger fürs Rauchen. Wer die Risiken von morgen drastisch unterschätzt, frisst, säuft und prasst ohne schlechtes Gewissen. Froh wie der Mops im Haferstroh. "Optimismus ist wie Rotwein", schreiben Puri und Robinson. Ein Gläschen schadet nicht, eine Flasche am Tag ziemlich.

Hinter der Weinflasche steckt natürlich mehr. Der grenzenlose Optimist glaubt, ein Unheil geschehe anderen, aber nie ihm selbst. Anders als Schwabs Bodenseereiter nimmt er Risiken sehenden Auges in Kauf. Wenn er (es wird schon alles gut gehen!) seinen Kindern Impfstoffe gegen tödliche Krankheiten vorenthält, mit 220 km/h über die Autobahn braust, ungeschützten Sex mit Fremden hat, schert er sich nicht um die Folgen. Er ignoriert die Gefahren für sein eigenes Leben und gefährdet damit andere. Er ist ein Zocker, der ein verantwortungsloses Spiel mit dem Schicksal treibt.

Daher braucht der Optimismus ein Korrektiv. Der Zuversichtliche ist erfolgreich, solange ihn jemand vor dem Exzess bewahrt und ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Ohne den Realisten an seiner Seite ist der zügellose Optimist ein Achterbahnfahrer ohne Sicherheitsbügel. Vielleicht sind gegensätzliche Duos deshalb so erfolgreich: Der Einfallsreichtum eines Werner von Siemens, kombiniert mit dem exakten Geist des Präzisionsmechanikers Johann Georg Halske, revolutionierte von einem Berliner Hinterhof aus die globale Kommunikation; der Visionär Willy Brandt und der Kärrner Herbert Wehner; der Apple-Gründer Steve Jobs und sein Ingenieur Steve Wozniak, die gemeinsam die Computerwelt auf den Kopf stellten; Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott, die Europas größten Softwarekonzern SAP retteten. Selbst in der Sesamstraße wäre das Energiebündel Ernie ohne den Bedenkenträger Bert kaum zu ertragen.

Entgrenzter Optimismus kann auch Gier und Größenwahn hervorbringen

Das letzte Mal, als Deutschland im Optimismus schwelgte und jede Bodenhaftung verlor, war zu einer Zeit, als die Gesetze der Marktwirtschaft nicht mehr zu gelten schienen. Ökonomen hielten das Auf und Ab der Wirtschaft für überwunden, Knappheiten und Krisen für abgeschafft, fortan würde es nur noch bergauf gehen. Eine ganze Nation war beseelt von einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die ungebremstes Wachstum, permanent steigende Kurse und ewiges Glück verhieß. Quelle dieser anstrengungslosen Wohlstandsmehrung war – die Börse. Eine Gelddruckmaschine mit lebenslanger Garantie. Selbst Oma Inge, die ihr Geld einst im Sparstrumpf versteckte, spekulierte auf einmal mit Aktien.

An jener New-Economy-Ära, als Dotcom-Klitschen mit atomarem Kapitalstock und astronomischen Visionen Ende der 1990er Jahre an der Börse emporschossen, lässt sich studieren, was entgrenzter Optimismus ebenfalls hervorbringen kann: Gier. Größenwahn. Und gefallene Helden.

Einer von ihnen ist Tan Siekmann, ein damals gut Dreißigjähriger mit Pausbacken und jungenhaftem Grinsen. Er galt mal als der deutsche Bill Gates, ein Star der neuen Wirtschaftswelt, die statt auf Maschinen auf Ideen setzte. Siekmanns Firma hieß Biodata, schon der Name vereinte zwei Supertechnologien, und viele Anleger dachten, sie investierten in Biotechnologie oder Genforschung. Dass sie in Wahrheit eine Firma für Verschlüsselungstechnik im Internet kauften, war ihnen einerlei, solange das Unternehmen ein globales Netz aus Niederlassungen spann, Firmen auf der ganzen Welt zukaufte, Milliardenumsätze und Milliardengewinne versprach.