Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Caspar, Melchior und Balthasar waren da. Die Kreidebuchstaben an vielen Türen zeugen davon, mal elegante, meistens eher ungelenke Kreidespuren von Kindern, die im normalen Leben Max, Lena oder Johannes heißen. Die Sternsinger ziehen immer noch durch die Nachbarschaften, sie singen bei Bürgermeistern und waren, wie jedes Jahr, bei der Bundeskanzlerin. Eine schöne Tradition mit hohem Niedlichkeitsfaktor. Die Sternsinger selbst müssen allerdings oft ihren ganzen Mut zusammennehmen, um an fremden Türen zu klingeln. Außerdem ist ihnen klar, dass sie für Kinder in der Welt singen, die unter anderen Bedingungen leben als sie. C+M+B wird noch eine Weile über vielen Portalen zu lesen sein, wenn Max, Lena und Johannes schon wieder auf dem Pausenhof toben und die verwunschenen Gewänder in den Kisten der Gemeinden stehen, die sie auf den Weg geschickt haben. Die Botschaft der drei Weisen könnte aber auch eine für Erwachsene sein. Die drei, die sich aus exotischer Fremde in die Weihnachtsgeschichte mischen, stehen nämlich auch für den Beginn des Christentums. Was passierte mit den Weisen aus dem Orient, nachdem sie Bethlehem wieder verließen? In der Legendenbildung der frühen Christenheit werden sie zu Protegés der ersten Gemeinden oder gar zu Kirchengründern. C+M+B, das steht für die Erinnerung daran, dass das Christentum aus dem Morgenland kam. Das Abendland kam erst viel später dazu.

Exotisch, fremd und provokant war dieses Christentum in unseren Breiten, als Germanen noch ihre Opferkulte in den Wäldern feierten und die Römer versuchten, ihr riesiges Reich zusammenzuhalten. Jetzt gleichen viele Regionen des Morgenlandes einer Trümmerlandschaft. Die Spuren des frühen Christentums sind vergessen oder zerstört, die kleinen Christentümer unter Druck. Das orientalische Christentum gibt es bald nicht mehr, wenn das Morden und die Vertreibungen und die daraus folgenden Fluchtbewegungen so weitergehen. Die Anfänge, von denen wir "Abendländer" im Grunde abstammen, werden bald nicht mehr sichtbar sein.

Die morgenländischen Christen haben jahrhundertelang im islamischen Kulturraum gelebt, sie haben ihn mitgeprägt. Es gab Abstoßungen und Symbiosen, gute und schlechte Nachbarschaften, ein großartiges künstlerisches und kulturelles Erbe, liturgische Traditionen, Philosophien und Poesien, die von diesem Verhältnis zeugen. Max und Lena und Johannes sollten davon erfahren. Und alle, die unter Türen gehen, sollen die Kreidespuren an dieses drohende Ende der morgenländischen Kultur erinnern.