Ich war 1957 als junger ZEIT-Anfänger dabei, als sich Paul Flora bei Paolino, dem Italiener an der Außenalster, den Redaktions-Gewaltigen vorstellte. Wir suchten einen politischen Karikaturisten. Erika Gräfin Merveldt, die Leiterin des ZEIT-Reiseteils, hatte Paul Flora in Basel kennengelernt. Nun saß er bei Paolino, stocherte in seiner Pasta und wurde gelöchert. Ob er denn etwas von Politik verstehe? Ob er auch Karikaturen von Politikern zeichnen könne? Köpfe? Gesichter? Er sagte nur maulfaul: "Ja, dös glaub i scho." Mehr nicht. Wir waren etwas besorgt. Was würde er uns wohl von der Alm schicken, auf der wir Hanseaten ihn in unserer Vorstellung ansiedelten? Unsere Besorgnis wuchs noch, als er mit leiser Bestimmtheit ankündigte: "Aber dreinred’n lass i mir net."

Wir wissen, was daraus geworden ist. Vierzehn Jahre lang zeichnete Paul Flora, unbelehrt und unbelämmert von der Redaktion, politische Karikaturen für die ZEIT.

In der Redaktion herrschte Hochspannung, wenn am Dienstagmorgen die Express-Sendung aus Innsbruck kam. Fiebernd rissen wir den Umschlag auf, schmunzelten, lachten dröhnend, schlugen uns dann und wann auch vor schierem Vergnügen auf die Schenkel.

Ganz nebenbei hat Paul Flora mit seinen Strichmännchen die deutsche Karikaturenlandschaft revolutioniert. Seine feinen Tuschlinien, seine verrätselnden Schraffierungen und seine schalkhaften Figuren machten Schule. Bald waren nirgends mehr die schwarz-weiß verklecksten Karikaturen zu sehen, die mich in den Anfangsjahren der Bonner Demokratie noch immer an den Stürmer erinnerten. Flora bewies: Hauchzartes kann messerscharf sein; der sensible Strich vermittelt mehr Erkenntnis als der grobe Keil; und der verquere Denkansatz sagt mehr aus als die meisten links-rechts gestrickten Leitartikel.

Ich habe ihn das ein oder andere Mal auf der Hungerburg hoch über Innsbruck besucht; er hat mir im Museum am Bergisel das in einer silbernen Tabakdose aufbewahrte Herz eines k. u. k. Leutnants angelegentlich als außergewöhnliches Schaustück empfohlen.

Paul Flora, der Ironiker und Ireniker, war ein durch und durch politischer Mensch, ein Zoon politikon. Übrigens ein Demokrat – obwohl er mir einmal sagte, Karikaturisten dürften eigentlich keine Demokraten sein, der häufige Personalwechsel in Demokratien schaffe ihnen bloß Schwierigkeiten.

Karikaturen sind einerseits wie Leitartikel: verderbliche Ware mit Verfallsdatum wie alle journalistischen Erzeugnisse. Aber anders als Leitartikel vergilben sie nicht in unansehnlichen Leitz-Ordnern. Sie überleben strahlend im hehren Bezirk der Kunst und werden in Ausstellungen gezeigt. Die Kunst rettet die Bildsatire vor dem Gilb, der die Leitartikel frisst.

Der Text ist ein Auszug aus Theo Sommers Beitrag zum Ausstellungsband: "Paul Flora – Karikaturen" (Haymon Verlag). Die Ausstellung läuft bis zum 26. März im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck.