Ankara, ein Montag im Dezember, der Fotograf Burhan Ozbilici ist schon auf dem Heimweg, als er kurz in einer Galerie vorbeischaut. Was sich auf der Vernissage vor seinen Augen abspielt, hält er zunächst für eine große, grausame Performance: Wie ein "theatralischer Tusch" habe es auf ihn gewirkt, sagt Ozbilici später, wie einer dieser Schockmomente, die Künstler gerne inszenieren, um das Publikum aufzurütteln und die Routinen der Ausstellungseröffnung zu durchkreuzen. Allerdings ist der Mann im schwarzen Anzug, der an jenem Abend plötzlich eine Pistole zieht und den russischen Botschafter erschießt, kein Künstler. Und die Galerie wird eher zufällig zur Kulisse seiner Mordtat.

Dennoch, auf Ozbilicis Bildern, aufgenommen inmitten des Tumults, wirkt es so, als sei ein Regisseur wie Quentin Tarantino am Werk oder ein junger Performancekünstler wie Christian Falsnaes. Im Hintergrund unschuldig weiße Wände und schwarz gerahmte Landschaftsfotos aus Russland. Im Vordergrund brüllt der Attentäter, den Arm emporgerissen, mit steilem Zeigefinger gen Himmel weisend. Zu seinen Füßen, rücklings hingestreckt, der tote Botschafter. Eine zutiefst surreale Szene.

Surreal ist das Wort des Jahres 2016, ermittelt vom amerikanischen Lexikonverlag Merriam-Webster. Surreal wurde immer wieder nachgeschlagen: als in Brüssel der Terror losbrach, als in der Türkei ein Staatsstreich misslang, als Donald Trump an die Macht kam. Surreal, ein Begriff, den es ohne den Surrealismus nicht gäbe, nicht ohne jene Künstler also, die sich in den zwanziger Jahren für das Absurde, Irreale und Traumhafte begeisterten.

Unterdessen ist es jedoch weniger die Kunst als die Wirklichkeit, die absurd und irreal erscheint. Und schon deshalb, weil nichts radikaler zu sein scheint als die Realität, können die Künstler der Gegenwart nicht einfach weitermachen wie bisher.

Vorige Woche beschrieb Christine Lemke-Matwey hier im Feuilleton, wie ratlos viele Theaterleute, Musiker, Maler sind: Irgendetwas wollen, irgendetwas müssen sie tun, jetzt, da alles von Krisen, Kriegen, Attentaten beherrscht wird. Manche verlegen sich auf politische Agitation, um das Publikum zu bekehren. Andere möchten die Realität mit der Wirklichkeit verändern, holen Flüchtlinge oder Arbeitslose auf die Bühnen und in die Museen und behaupten eine gesteigerte Dringlichkeit. Dritte verkriechen sich in den Hülsen der Tradition, aber auch das erweist sich oft als fade Geste.

Was also tun? Wenn Christine Lemke-Matwey verlangt, die Kunst müsse ihren Eigensinn stärken, dann ist das gewiss nicht verkehrt. Doch es wird, fürchte ich, nicht reichen. Die Welt hat sich gewaltig verändert, und also müssen auch die Künstler sich wandeln. Sie brauchen eine neue Bestimmung.

Oft ist ihr Selbstbild noch immer von den Idealen der Avantgarde geprägt. Der Künstler soll radikal sein, soll Grenzen überschreiten, soll die Welt erschüttern. Chris Burden war ein solcher Künstler, er stellte sich 1971 vor die nackte Wand einer Galerie in Santa Ana, Kalifornien, und gab sich als Zielscheibe preis. Ein Freund legte sein Gewehr an und jagte ihm eine Kugel in den linken Oberarm. So wurde die Galerie zu einem Ort, an dem es nicht um das ästhetische Spiel geht, sondern um Leben und Tod. Mit dieser Aktion zeigte sich Burden als besonders tugendhafter Künstler im Sinne der Moderne: Er trat auf gegen das Werk im klassischen Sinne, gegen das Schöne, die Kontemplation, das Fiktive. Aus der Galerie, in der sonst Werte gehandelt werden, machte er einen Ort der potenziell finalen Entwertung: seines eigenen Lebens.

Bis heute gibt es viele Spielarten solcher Negation, doch erscheinen sie nun meistens redundant. Nicht nur, weil in Ankara wahrhaftig ein Mensch in einer Galerie erschossen wurde. Sondern vor allem, weil die Gegenwart sich heute selbst negiert.