Nach 27 Sekunden tritt Jens Lehmann in Erscheinung. Der ehemalige Nationaltorwart läuft einen Gang entlang, Sporttasche über der Schulter. Er streift sich die Torwarthandschuhe über die Hände, die Kamera zoomt ran. Die Hände sind Lehmanns wichtigstes Kapital und der Grund, warum er durch diesen Werbefilm auf YouTube läuft. Andere Fußballgrößen werben für Sportartikel, für schnelle Autos, für dicke Uhren. Jens Lehmann, bester Torhüter Europas, bester Torhüter der Premier League, wirbt für Schunk, ein mittelständisches Unternehmen aus der schwäbischen Provinz, das Greifsysteme wie etwa "Hände" für Roboter herstellt.

Henrik Schunk, der 44-jährige Wirtschaftsingenieur und Chef des gleichnamigen Familienunternehmens, ist ein ausgewiesener Fußballfan. Er hatte die Idee, Lehmann als Markenbotschafter zu verpflichten, 2012 war das. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Maschinenbauer, der für seine Produkte bei seinen Kunden aus der Industrie werben will. "Wir haben dem Greifen damit ein Gesicht gegeben", sagt Schunk. Sein Unternehmen mag mit den gut 2.700 Beschäftigten und 380 Millionen Euro Umsatz zwar viel kleiner sein als Industriegrößen wie Bosch, Daimler oder Porsche, aber in seinen Spezialgebieten ist der Maschinenbauer ganz groß: Wenn die Industrieroboter von bekannten Herstellern wie Kuka, ABB, Fanuc oder Universal Robots feinfühlig zufassen sollen, ist häufig ein Greifer oder eine "Hand" von Schunk vorn am Roboterarm montiert. "Wir sind Weltmarktführer bei Greifsystemen und in der Spanntechnik", sagt Schunk, "diese Kombination ist unser Alleinstellungsmerkmal."

Ihren Hauptsitz hat die Firma Schunk in Lauffen am Neckar, eine halbe Autostunde nördlich von Stuttgart. Das Familienunternehmen ist ein Beispiel dafür, dass in Deutschland nicht nur Konzerne wie Siemens oder Bosch und innovative Start-ups bei der Digitalisierung und Vernetzung von Fabriken vorn mit dabei sind, sondern auch kleine Weltmarktführer, die in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Sie nutzen ihre Erfahrung aus der analogen Welt, um ihre Nische, in der sie groß geworden sind, auch im digitalen Zeitalter zu behaupten – oder sogar auszubauen.

"Der klassische Maschinenbauer Schunk hat die digitale Transformation erfolgreich vorangetrieben", bestätigt der Branchenkenner Bernhard Langefeld von der Unternehmensberatung Roland Berger. Roboterbauer wie Kuka oder ABB lieferten ihre Geräte ohne Greifer oder "Hände" an die Kunden. Das Endstück eines Roboterarms, also der Greifer oder die Hand, muss jeweils an den speziellen Einsatz angepasst werden. Das würde sich für die Roboterhersteller nicht lohnen. Deshalb lieferten Spezialisten wie Schunk maßgeschneiderte Hände für "den präzisen Griff". Etwa um ein Werkstück passgenau in eine Maschine einzulegen oder weiterzutransportieren. Das entlastet die Arbeiter in der Fabrik von monotoner oder schwerer Arbeit. Wie so eine Hand aussehen kann, lässt sich in der modernen Schunk-Fabrik in Brackenheim-Hausen, drei Kilometer vom Stammwerk in Lauffen entfernt, besichtigen. Auch Jens Lehmann war schon hier.

Im Ausstellungsraum, nur durch eine Glaswand von der Produktion getrennt, sind drei Roboterarme mit den neuesten Greifsystemen von Schunk aufgebaut: Auf einem mehrgliedrigen Arm des dänischen Herstellers Universal Robots ist ein Greifsystem mit zwei breiten Fingern angedockt, das etwa Werkstücke für eine Bearbeitungsmaschine zureichen kann. Daneben steht der Stolz der Firma: Die "Schunk Fünffingerhand", die ein bisschen so aussieht, als sei sie einem Horrorfilm entstiegen (dabei hat sie einen sehr sanften Händedruck). Die Fünffingerhand ist etwa bei komplizierten Versuchen in der Wissenschaft im Einsatz, die exakt auf dieselbe Weise wiederholt werden müssen. Denn mit ihren neun Motoren und 20 Achsen kommt sie der Beweglichkeit der menschlichen Hand schon ziemlich nahe.

Die Roboterhand daneben ist noch in der Erprobungsphase: Wenn ihr der Bediener zu nahe kommt, stoppt sie umgehend ihre Bewegung. Die in die Alu-Hand integrierte Umfeldsensorik messe dabei "die Aura" des Menschen, erklärt der zuständige Techniker. Also die Veränderung eines elektrischen Feldes durch die Annäherung eines Menschen. Das "Gehirn" dieser Hightech-Greifer ist etwa so groß wie ein Smartphone und sorgt dafür, dass die Hand aus Aluminium und Gummi die digital übermittelten Aufgaben ausführt.

Solche intelligenten Greifhände brauche man dann, wenn der Roboter direkt mit dem Menschen zusammenarbeite, ohne Zaun oder Schutzvorrichtungen dazwischen, erklärt der Firmenchef. Die Mensch-Maschine-Kooperation werde immer wichtiger. Mehr als 4.000 unterschiedliche Greifsysteme biete Schunk heute an. "Unsere Greifer sind direkt am Werkstück dran", sagt Henrik Schunk, deshalb müsse man den Kunden immer wieder beweisen, dass man technisch an der Spitze sei. Fehlgriffe sind nicht erlaubt.