Es ist ein globaler Wettlauf: Wer bringt das erste Fahrzeug auf die Straße, das sich ohne einen Menschen hinter dem Steuer durch normalen Verkehr bewegt? In allen selbstfahrenden Serien- und Testautos, die bisher auf öffentlichen Straßen unterwegs sind, kann im Notfall ein Fahrer die Steuerung übernehmen. Nachdem Volvo im vergangenen Sommer seine Ankündigung zurückgenommen hat, in diesem Jahr voll autonome Limousinen auf Göteborgs Ringstraße zu schicken, könnte der Pokal für das erste echte Auto-Auto nach Deutschland gehen.

Der Kandidat ist kein milliardenschwerer Automobilkonzern, sondern ein Forschungsprojekt, das mit dreieinhalb Millionen Euro vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird. In diesem Jahr wollen die Mitarbeiter einen selbstfahrenden Lkw auf der Autobahn testen – von 2018 an, dann ohne einen Insassen an Bord.

Es handelt sich um keinen normalen Lkw, sondern um einen orangefarben lackierten Truck mit Warnleuchten und einem überdimensionalen weißen Pfeil an der Rückseite, ein sogenanntes Absicherungsfahrzeug. Es warnt vor Wanderbaustellen auf der Standspur und soll die Mitarbeiter der Autobahnmeisterei während ihrer Arbeit am Fahrbahnrand vor Auffahrunfällen schützen. Dabei bringt es den Fahrer permanent in Lebensgefahr. Gerät etwa ein Lkw aus Unachtsamkeit auf die Standspur, knallt er von hinten in das Fahrzeug. Ein paar Dutzend Mal kommt das jedes Jahr an den über 100.000 Autobahn-Wanderbaustellen vor. Der Job hinter dem Lenkrad eines Absicherungsfahrzeugs ist einer der gefährlichsten Arbeitsplätze Deutschlands. Nun könnte er wegfallen – wenn der Warn-Lkw dem Baustellenfahrzeug vollautomatisch folgen würde.

Gegenüber der Automatisierung im komplexen Stadtverkehr oder auf der Autobahn erscheint das Vorhaben recht einfach. Schließlich geht es nur darum, das Absperrfahrzeug im Schritttempo mit stets gleichem Abstand hinter einem Baustellenfahrzeug stur herzockeln zu lassen. Auf der Teststrecke funktioniert das zwei Jahre nach dem Projektstart bereits problemlos.

Ein WLAN sorgt für die Verbindung zwischen den beiden Fahrzeugen, Kameras und drei Radarsensoren überwachen den Fahrweg zwischen ihnen. Im vorausfahrenden Lkw kann der automatische Betrieb an einem kleinen Kasten mit einigen Schaltern und Kontrollleuchten gestartet und überwacht werden. Während der Arbeiten am Fahrbahnrand folgt das Absperrfahrzeug dem Lkw in genau 100 Meter Abstand, für das Überqueren von Aus- und Einfahrten der Autobahn schließt es zum Baustellen-Wagen bis auf zehn Meter auf.

Noch sitzt bei den Tests ein Ingenieur auf dem Fahrersitz. Peter Strauß ist einer von ihnen, Eingreifen musste er bislang so gut wie nie. "Wir müssen allerdings nicht nur beweisen, dass die Technik unter Idealbedingungen funktioniert", sagt der Mitentwickler bei MAN, dem Lieferanten der eingesetzten Lkw. "Wir müssen garantieren können, dass der Betrieb unter allen Bedingungen sicher ist."