Ich glaube an den Lachs. Ich habe aber andere Götter neben ihm, den Thunfisch und das Rührei. Ich verspreche mir von ihnen immerwährendes Heil, nämlich den Marsch durch die Konfektionsgrößen. Manchmal grenzt das an Fanatismus, oder, passender, an Foodamentalismus. Aber das muss so sein, denn jede Religion verlangt Hingabe, auch eine Ersatzreligion. Viele Menschen haben sich einen Ernährungsstil zugelegt, den sie quasireligiös führen und verehren. Die Begriffe "sündigen" und "verzichten" fallen nirgends häufiger als beim Sprechen über das Essen. Vielleicht lebt das Konzept von Versuchung, Sünde und Buße zur Gänze überhaupt nur noch in Essenszusammenhängen.

Der aktuelle Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung von Anfang Januar zählt auf: Für 89 Prozent der Deutschen ist gesundes Essen wichtig. 87 Prozent wollen, dass die Standards der Tierhaltung überprüft werden. 90 Prozent wünschen sich verbindliche Qualitätsrichtlinien für das Essen in Kitas und Schulen. Die gesunde Ernährung hat sich geräuschlos ins religiöse Vakuum geschmiegt. Sie besteht, wie klassische Religionen auch, aus den drei Komponenten Ethik, Ästhetik und Spiritualität. Wer sich ihr anschließt, folgt meist einem dieser Teilaspekte besonders eifrig.

Für die Ethiker (Veganer!) steht der würdige Umgang mit Tieren, hin und wieder sogar der mit Pflanzen, im Vordergrund. Manche finden Schlachten unmoralisch, anderen reicht eine artgerechte Tierhaltung zur Erfüllung ihrer moralischen Ansprüche. Avocados kaufen die Ethiker nicht mehr, seit ihnen klar ist, wie viele Liter Wasser so eine Avocado in der Aufzucht benötigt. Die eher spirituell entflammten Ernährungsjünger folgen einem Reinheits- und Verschmelzungsideal: Gesundes, oder ursprüngliches, oder besonders reines Essen ohne Zusätze führt ihrer Vorstellung nach zu einem reinen Körper oder einer reinen Seele – ein Analogieschluss, der nicht unbedingt wissenschaftlich bewiesen ist, der aber viele Anhänger hat. Diese beiden Gruppen schauen immer etwas maliziös auf die dritte Gruppe herab. Denn die Ästhetiker wollen meist einfach nur abnehmen. Schlanker finden sie schöner.

Gemeinsam ist den drei Gruppierungen das genaue Auswählen und Beurteilen der Speisen nach strengen Kriterien. Die Kriterien mögen sich unterscheiden, hervor bringen sie das Gleiche: eine kleine Gruppe an elitären Nahrungsmitteln, denen ihre Auswähler starke Kräfte nachsagen. Was man wegdefiniert hat, fällt der Verdammung anheim oder dem mit starker Disziplin durchgezogenen Verzicht. Will man auch nur eine dieser drei Facetten der Ernährungsreligion konsequent leben, braucht man dafür ein Mittel zum Zweck, die unbedingte Ernährungsfrömmigkeit. Sie erweckt ob ihrer eher dogmatischen Natur sehr oft das Misstrauen, gar den Zorn noch nicht Eingeweihter. Auch meinen Zorn. Bevor ich initiiert, missioniert, bekehrt wurde.

Meine Prophetin war Martina, die Ernährungswissenschaftlerin. Sie gab Kurse an der Uniklinik, in denen sich Menschen einfanden, die noch keine gesundheitlichen, aber doch ästhetische Schwierigkeiten mit ihrem Körpergewicht hatten, und das alleine nicht ändern konnten. Ich selbst wollte diesbezüglich zurück in die schlanke Vergangenheit. Ein zweistelliger Kiloverlust war unbedingt nötig. Aus diesem diffusen Wunsch sollte Martina ein konkretes Ziel machen. Das eine unterschied sich vom anderen durch einen Plan. Ich hatte ihn nicht, Martina schon. Es war ein schrecklicher Plan.

Wer sich in die Ernährungsreligion begibt, der muss sich für ein Modell entscheiden, an dem er sein zukünftiges Leben ausrichtet. Die angebotenen Modelle widersprechen sich zum Teil, und ihre Namen beginnen bedrohlicherweise immer mit "low", "no" oder "slow". Deshalb habe ich Martina die Entscheidung treffen lassen. Sie vertrat die Low-Carb-Konfession. Keine Nudeln, kaum Reis und Kartoffeln, wenig Brot, und vor allem: Weg mit dem Zucker!

"Und nach 19 Uhr esst ihr am besten gar nichts mehr", sagte Martina am Ende der ersten Sitzung zu uns Abnehmwilligen. Ich aß aber kaum etwas vor 19 Uhr. Dann schlug eine Kursteilnehmerin – Männer hatten sich keine angemeldet – eine Art Wasserritual vor. Jeden Morgen sollte man sich vor ein Glas Wasser setzen und ihm erzählen, was man heute vom Tag wollte. Das würde irgendeine Beziehung zwischen dem Wasser und einem selber stiften, die dann wiederum dem Abnehmen dienlich sein sollte. Nach dieser ersten Sitzung radelte ich wütend nach Hause. Ein Haufen fetter Irrer, der über Leitungswasser meditiert! Sollte ich nicht lieber meine Rennrad-Ausfahrten verlängern, verdoppeln, besser verdreifachen, und weiter trotzig Nudeln essen?

Sehr widerwillig betrat ich am selben Tag einen Supermarkt. Dort wartete das Chaos. Martina hatte mit tausend Lebensmittelnamen um sich geworfen. Es war unmöglich, sich alle Regeln darüber auf einmal zu merken. In meinem Kopf waren ihre Hinweise zusammengeschmolzen zu einem einzigen fantastischen Hassgericht: Chia-Samen-Eintopf mit Grünkern und, ganz wichtig, frischem Hüttenkäse, den man in einer Mischung aus Lein- und Olivenöl über Nacht marinieren musste. So was wird von einem verlangt, nur weil man ein paar Kilo abnehmen will.

Martinas Satzfetzen durchwehten den Supermarkt. Wenn Früchte, dann nur mit Joghurt. Wenn Getreide, dann aber kein Weizen. Buttermilch ist besser als Milch. Eiweißbrot gibt es nicht. Gemüsechips sind sinnlos. Honig ist besser als Zucker. Agavendicksaft ist besser als Honig, aber auch nicht für jeden und immer. Wenn Schokolade, dann Zartbitter. Kein Alkohol, lieber Schorlen, nur selber gemischt, im Verhältnis ein Fünftel zu vier Fünftel. Es war hoffnungslos. Ich wollte unbedingt das Richtige tun, aber war total verwirrt darüber, was das Richtige sei. An eine einfache Regel erinnerte ich mich: Unbedingt mehr Eiweiß essen. Eiweiß baut Muskeln auf, mehr Muskeln verbrennen mehr Energie. Simpel. So sah ich den Lachs, und er sah mich. Ich kaufte den Lachs, vielleicht kaufte er auch mich. Genau lässt sich das nicht mehr sagen. Damit begann es.

Begibt man sich zum ersten Mal im Leben in den ästhetischen Zweig der Ernährungsreligion, kommt er einem wie eine Sekte vor, wie eine Gemeinschaft von Freiwilligen, in die man nicht qua Geburt Aufnahme findet. Es zählen nur die eigene Entscheidung und die Prüfung der Absichten durch erfahrenere Mitglieder. Durch die Martinas also. Nach vier Wochen nahm sie Maß. Eine Bioelektrische Impedanzanalyse sollte es sein. Dazu streckt man sich auf einer Liege aus, es werden zwei Elektroden auf Hand und Fuß geklebt. Strom fließt durch den Körper. Man wartet.