Das Gesicht von Balderschwang ist jung, es hat einen Schmollmund und eisblaue Augen. Wie eine Verlockung, ein Versprechen schaut die schöne Frau von der Internetseite des Bergdorfes. Auf einem Bild hält sie ihre Ski in der Hand, auf dem nächsten tanzt sie im Glitzeroberteil durch die Nacht. "In keinem anderen Ort der Alpen wird so gigantisch gefeiert", werben Reiseveranstalter. Denn noch wichtiger als das Skifahren ist in Balderschwang die Party danach, die Hüttengaudi in der Schatzi Bar, im Kuhstall, in der Champagnerhütte. Mehr getrunken als hier wird im Winter kaum irgendwo. Seit der neue Lift läuft und Models Werbung machen für Balderschwang, ist das ganze Dorf von November bis Mai eine einzige Après-Ski-Party, weithin bekannt als "Alpen-Ballermann".

Stopp.

Schatzi Bar, Kuhstall und Champagnerhütte gibt es wirklich, aber sie stehen nicht im Allgäu, sondern zweieinhalb Stunden Autofahrt entfernt in Tirol, im schmollmundbeworbenen Ischgl. Dort wird in den Wintermonaten gigantisch gefeiert und hemmungslos getrunken, dort befindet sich der sogenannte Ballermann der Alpen.

Möglich, dass Konrad Kienle, der Bürgermeister von Balderschwang, beim Lesen gar nicht bis hierher kommt, weil er den Artikel schon nach den ersten Zeilen vor Wut zerknüllt hat. Was hat er sich nicht alles anhören müssen in jüngster Zeit? Dass sich eine Schlammlawine über sein Dorf ergießen möge, dass er ein Naturzerstörer sei, der das schöne Allgäu kaputt mache, dass es ihm nur darum gehe, immer mehr Geld zu scheffeln. Aus dem ganzen Land kamen Briefe und E-Mails, seit sein Plan von einem neuen Skigebiet zu einer nationalen Angelegenheit geworden ist, zu einem Kulturkampf, bei dem es auf den ersten Blick um die simple Frage geht, was wichtiger ist: die Natur oder das Geld. Und jetzt auch noch eine Zeitung, die sich erdreistet, den Ballermann nach Balderschwang zu dichten?

Falls Kienle doch bis hierher kommt: In Balderschwang sieht es in Wahrheit ganz anders aus, zumindest noch. Und der Konflikt ist etwas komplizierter.

Der Grund des Streits ist 1.787 Meter hoch: Das Riedberger Horn

Das Riedberger Horn soll mit einem anderen Skigebiet verbunden werden.

© ZEIT-Grafik

Balderschwang, das ist ein Dorf mit 342 Einwohnern, gelegen im Oberallgäu, auf 1.044 Meter Höhe und so nahe an der Staatsgrenze, dass einen das Handynetz schon in Österreich willkommen heißt. Balderschwang, das sind ein paar Dutzend Häuser um eine Kirche, die sonntags noch voll ist. Redet hier jemand vom Kuhstall, ist ein Stall mit Kühen gemeint und keine Après-Ski-Bar in Ischgl, die mit dem Slogan Born to be Wahnsinn wirbt.

Wie kommt es, dass neuerdings dennoch das Wort "Ballermann" fällt, wenn es um Balderschwang geht? Was ist passiert, dass sich hier, in diesem abgeschiedenen Ort nicht nur die Zukunft eines Dorfes, sondern – nach Meinung von Umweltschützern, Hoteliers und Skiliftbetreibern – die Zukunft der ganzen Alpen entscheiden soll?

An einem kalten Wintertag steht Konrad Kienle, der Bürgermeister, im Hochtal von Balderschwang bis zu den Knöcheln im Schnee. Kienle, 56, ist im Hauptberuf Wirt. Das Gesicht von Balderschwang gehört keinem Model, sondern einem großen Mann mit dickem Schnauzbart, stolzem Bauch, breitem Dialekt und CSU-Parteibuch. Auf einen wie Kienle kämen Menschen, wenn man sie bitten würde, die Klischeefigur eines Bayern zu zeichnen. Versonnen schaut er auf sein Dorf, auf die schneebedeckten Dächer um den Kirchturm, eingerahmt von mächtigen Bergrücken. Ein Idyll wie von einer Kitsch-Postkarte. "Schön ist’s", sagt Kienle in die Stille, die Sonne scheint ihm ins Gesicht.

Konrad Kienle ist seit drei Jahren Bürgermeister. Nie, "in den schlimmsten Albträumen nicht", hätte er gedacht, dass dieser Job solch einen Aufruhr mit sich bringen könnte. All die Journalisten, die Zeitungsartikel, die Feindseligkeiten. "Wir haben die Schnauze voll", sagt Kienle.

Hinter Kienles Rücken steht breit und mächtig der Grund dafür, weshalb mittlerweile nicht nur Lokalblätter, sondern überregionale Zeitungen, Magazine und Fernsehsender über Balderschwang berichten, weshalb im vergangenen Sommer gar der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer persönlich anreiste und der bayerische Heimatminister Markus Söder ebenso.