"Aufgeben? Nicht mit mir"

DIE ZEIT: Frau Schaper, Sie sitzen für die Linke im sächsischen Landtag. Ihr Wahlkreisbüro im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg ist viele Male von Rechtsextremen angegriffen worden – so oft, dass der Vermieter Ihnen jetzt gekündigt hat. Wie hat er das begründet?

Susanne Schaper: Die Hausverwaltung hat mir zu verstehen gegeben, dass er es offenbar leid war, Glasscheiben zu wechseln, die Fassade zu reinigen, die Tür zu reparieren. Offiziell wurde mir mitgeteilt: Man habe Angst um die anderen Mieter. Persönlich habe ich den Eigentümer nie erreicht.

ZEIT: Vermutlich wurde 2016 kaum ein Abgeordnetenbüro so häufig attackiert wie Ihres.

Schaper: Es war jedenfalls ein schlimmes Jahr. Innerhalb von 17 Monaten gab es mehr als 20 Anschläge. Und da zähle ich nur die großen Attacken mit, nicht die vielen kleineren Vorfälle. Die Tierleichen zum Beispiel.

ZEIT: Die Tierleichen?

Schaper: Ja. Tote Ratten, die auf einmal morgens vor dem Büro lagen. Ich dachte erst, es handle sich um einen üblen Streich. Bis beim nächsten Mal – Pardon, dass ich jetzt so deutlich werde – ein Eimer Scheiße vor der Tür ausgekippt wurde. Dann wieder wurde der Fußabstreicher angezündet. Solche Sachen habe ich mehr oder weniger täglich erlebt.

ZEIT: Über all die Monate?

Schaper: Ja, Dutzende Male, und es wurde immer massiver. Mal wurde ein Zehn-Liter-Eimer Farbe in den Eingang geschüttet, auch an die Tür, sodass man den Schlüssel gar nicht mehr ins Schloss stecken konnte. Dann wurden Scheiben eingeworfen, Hakenkreuze und NS-verherrlichende Sprüche an die Scheiben geschmiert – oder Beleidigungen gegen "Zecken". Für mich sind diese ewigen, zermürbenden Angriffe eine Form von rechtem Terror. Ja, dazu stehe ich: Ich muss nicht mit den Füßen zuerst aus dem Büro getragen werden, bis man anerkennen kann, dass das Rechtsterrorismus ist.

ZEIT: Chemnitz-Sonnenberg, wo Sie Ihr Büro hatten, gilt als Problemstadtteil, in dem Neonazis besonders aktiv sind.

Schaper: Eigentlich ist es eines der schönsten Viertel der Stadt, genau im Herzen meines Wahlkreises, viele Gründerzeithäuser stehen hier. Und ich wehre mich dagegen, mein Viertel pauschal zu verunglimpfen. Es gibt große soziale Probleme und, ja, eine recht vitale Neonazi-Szene. Aber es ist nicht so, dass es hier keine linken Wähler gäbe; ich habe bei der Landtagswahl 30 Prozent der Direktstimmen in meinem Wahlkreis geholt und lag knapp hinter dem CDU-Bewerber. Nein, es ist eher so, dass einige wenige den Stadtteil tyrannisieren. Und zu wenige Menschen sich in den Weg stellen.

ZEIT: Hat man jemals Täter überführen können?

Schaper: Nein, nie. Ich habe irgendwann aufgehört, jede Attacke anzuzeigen. Die Verfahren wurden immer wieder eingestellt. Wir haben nur gesehen, dass die Neonazis auf Facebook jubelten, wenn bei mir wieder eine Scheibe klirrte.

ZEIT: Hatten Sie nie Angst, ins Büro zu gehen?

Schaper: Doch, es macht schon was mit einem, das ständig zu erleben. Man wird ängstlicher. Ich habe mir Sorgen um meine Mitarbeiter gemacht. Ich dachte: Was, wenn sich die Gewalt irgendwann nicht mehr gegen Gegenstände richtet, sondern gegen Menschen? Mein Wahlkreismitarbeiter sieht nicht typisch deutsch aus, er hat einen kubanischen Vater. Ich fürchtete, dass er zur Zielscheibe werden könnte. Und meiner studentischen Hilfskraft, einer zierlichen blonden Frau, habe ich untersagt, alleine im Büro zu sitzen.

"Das wäre doch Wahnsinn – zu kapitulieren"

ZEIT: Gab es Angriffe, als Sie im Büro waren?

Schaper: Ja, es passierte immer mal wieder, dass kurz die Tür aufging und jemand hineinbrüllte. "Dreckschweine!" oder so etwas. Aber es ging immer so schnell, dass man nie jemanden erkennen konnte. Was mich erschüttert, das ist, dass sich keiner mehr über solche Zwischenfälle empört. Es gab 2016 so viele Angriffe auf Politiker-Büros in Sachsen. Aber es kommt mir beinahe so vor, als hätten sich alle daran gewöhnt.

ZEIT: Ist das so?

Schaper: Sogar in meinem Umfeld sagten mir Leute: Was regst du dich denn so auf? Du musst ja auch nicht immer den Mund so weit aufreißen, sonst passiert so was eben. Dabei gehöre ich wirklich nicht zu den Kapuzen-Linken, die von Demo zu Demo laufen. Ich bin gelernte Krankenschwester, habe 19 Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Jetzt mache ich Sozialpolitik. Trotzdem trifft mich solche Verachtung. Das verstehe ich einfach nicht.

ZEIT: Sie sind Stadträtin, sitzen erst seit zwei Jahren im Landtag. Hatten Sie sich unter dem Politikerberuf etwas anderes vorgestellt?

Schaper: Als ich in den Landtag gewählt wurde, dachte ich ganz naiv: Mensch, als Abgeordnete bist du gesellschaftlich anerkannt, das ist ein wichtiger Beruf. Ich bin es nicht gewohnt, angefeindet zu werden. Und ich frage mich, in was für Zeiten wir hier eigentlich leben. Ich bin richtig traurig.

ZEIT: Zweifeln Sie an Ihrem Beruf?

Schaper: Viele sagen mir: Du hast drei Kinder, reiß dich zusammen, mach was Vernünftiges, steige aus der Politik aus. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich mich schon dabei ertappt habe, zu denken: Ich kann auch wieder als Krankenschwester anfangen, oder in einem anderen Beruf. Dann würde ich achteinhalb Stunden arbeiten und könnte danach meine Ruhe haben. Aber soll ich Ihnen was sagen?

ZEIT: Nur zu.

Schaper: Ich will das nicht. Das wäre doch Wahnsinn – zu kapitulieren. Ich will es mir nicht gefallen lassen, dass Menschen frei gewählte Abgeordnete mundtot machen. Und ich lasse mir nicht erzählen, dass es normal sei, wenn ein Politiker zweimal im Monat den Glaser rufen muss. 2017 in Deutschland! Mein Mann fragt mich schon manchmal: Warum tust du dir – uns – das an?

ZEIT: Und was antworten Sie?

Schaper: Ich sage: Weil das ein extrem bedeutsamer Beruf ist. Dennoch soll man sich überall dafür rechtfertigen. Meine Kinder bekommen in der Schule zu hören: Deine Mutter ist Abgeordnete, die hat ein Schweinegeld. Die soll uns neue Möbel kaufen! Politiker werden per se als etwas Schlechtes gesehen. Ich will meinen Kindern vorleben, dass es in der Demokratie lohnt, dranzubleiben. Weiterzumachen, auch wenn sich Widerstände auftun. Die Möglichkeiten, die uns dieses Land bietet, sind großartig. Wir müssen sie nutzen.

ZEIT: Was macht Ihnen Mut, weiterzumachen?

Schaper: Der Zuspruch, den ich jetzt erlebe. Es tut gut, darüber zu reden, was mir widerfahren ist. Ich schaue sehr oft in den Spiegel und sage zu mir: Fein durchhalten! Ich will nicht jammerig wirken. Ich bin froh, dass über meinen Fall berichtet wird, weil ich hoffe, dass es ein paar Leute zum Nachdenken anregt.

ZEIT: Auch AfD-Abgeordnete klagen über Angriffe auf ihre Büros. Was sagen Sie denen?

Schaper: Dass ich es auch in deren Fall abscheulich finde, dass das nicht sein darf. Die Auseinandersetzung hat die normalen Mittel der Kommunikation verlassen. Früher – in der Zeit vor der Flüchtlingskrise – ist es mir noch gelungen, die Leute mit Argumenten zu erreichen. Heute erlebe ich immer öfter, dass meine Argumente nicht durchdringen. Das Herz hat irgendwie aufgehört mitzusprechen. Gruppen werden gegen Gruppen ausgespielt, da macht die AfD ganz vorne mit. Die Lauten stellen sich als die Starken dar.

ZEIT: Der sächsische Landtag hat einen Fonds aufgelegt, der Abgeordneten helfen soll, deren Büros immer wieder beschädigt werden – und die keine Versicherung mehr finden.

Schaper: Das ist wichtig, auch wenn es traurig ist, dass wir so einen Fonds brauchen. Aber die Versicherungen zahlen den ersten, den zweiten, vielleicht den dritten Schaden. Dann bitten sie freundlich, sich eine andere Versicherung zu suchen. Es gibt Abgeordnete, die geben Tausende Euro für Vandalismus-Schäden aus. Mein Problem ist: Um den Fonds in Anspruch nehmen zu können, müsste ich erst mal ein neues Büro finden.

ZEIT: Sie finden keins?

Schaper: Nein. Die Eigentümer haben Angst. Also behaupten sie, es sei nichts frei. Oder es werden Wucherpreise aufgerufen. Und das, obwohl der Sonnenberg ein Viertel mit großem Leerstand ist. Ich verstehe es ja ein Stück weit, die Vermieter haben Angst um ihre Häuser. Vielleicht nützt dieses Interview etwas, ich freue mich über Angebote hilfsbereiter Makler.

ZEIT: Weg vom Sonnenberg wollen Sie nicht?

Schaper: Wo ist eine Linke wichtiger als hier? Der Sonnenberg ist das Zentrum meines Wahlkreises. Das soll ich aufgeben, weil einige wenige Terror machen? Nicht mit mir.