Beruf, Wohnort, Konfession. Diese drei Angaben reichten während Jahrzehnten, um in der Schweiz mit ziemlicher Sicherheit sagen zu können, welche Partei jemand wählt. Das Land war ein Bilderbuchbeispiel für das, was die Wissenschaft ein "eingefrorenes Parteiensystem" nennt. Die Arbeiter wählten überwiegend sozialdemokratisch, die Katholiken die CVP, die protestantische Landbevölkerung gab ihre Stimme der SVP, zumindest in der Deutschschweiz – und der große Rest wählte die FDP.

Heute sind solche Verhältnisse unvorstellbar. Die Schweizer wählen die Partei, die sie am meisten überzeugt. Nicht mehr jene, deren Parteibuch man ihnen in die Wiege gelegt hat.

Noch nie seit der Einführung des Proporzsystems 1919 hat sich die Schweizer Parteienlandschaft in so kurzer Zeit derart stark verändert wie in den vergangenen zwanzig Jahren – die etablierten Machtverhältnisse wurden dadurch regelrecht pulverisiert.

Das zeigt ein neues Buch von Andreas Goldberg (The Impact of Cleavages on Swiss Voting Behaviour, Springer Verlag) . Der Politologe, der an der Universität Amsterdam forscht, hat in akribischer Arbeit die individuellen Wahlentscheidungen in allen nationalen Wahlen seit 1971 untersucht; er stützt sich dabei auf Umfragen. Seine Analyse zeigt, wie die traditionellen Parteibindungen innerhalb von relativ kurzer Zeit erodierten. Von den 1970er bis in die 1990er Jahre halbierten sich die Einflüsse von Religion, Klasse, Wohnort und Sprache auf den Wahlentscheid. Seither sind sie weiter zurückgegangen, auch wenn der Trend etwas abflachte.

Die Parteien müssen ihren Wählern etwas bieten, um sie bei der Stange zu halten

Sinnbild dieses Umbruchs ist der Aufstieg der SVP. Aus einer bürgerlichen Kleinpartei mit etwas mehr als zehn Prozent Wähleranteil wurde die stärkste Partei der Schweiz, welche die wichtigsten Debatten der vergangenen Jahre prägte.

Das Geheimnis ihres Erfolgs war, dass sie sich nicht mehr allein auf die reformierte Landbevölkerung der Deutschschweiz beschränkte, sondern sich auf zwei Themen spezialisierte: Migration und Außenpolitik. Sie wurde damit für Konservative quer durch alle Klassen, Konfessionen und Regionen wählbar.

Noch Anfang der 1990er Jahre gab es in nur etwas mehr als der Hälfte der Kantone überhaupt eine eigene SVP-Sektion. In den katholischen Kantonen war die Partei praktisch inexistent. Dann überrollte sie die CVP-Stammlanden einem politischen Tsunami gleich und spülte den Christdemokraten ein Drittel ihrer Sitze in den kantonalen Parlamenten weg. Mit etwas Verzögerung startete die SVP auch in der welschen Schweiz und in den Städten durch.

Doch nicht nur die SVP profitierte vom veränderten Verhalten der Wählerinnen und Wähler. Vor ihr verstanden es bereits die Grünen, die Bürger mit Appellen an deren Werte anstatt an deren Herkunft zu mobilisieren.

Der Wandel erleichtere es jungen Parteien, Fuß zu fassen, sagt Andreas Goldberg: "Für die klassischen Parteien ist es dagegen schwieriger geworden." Sie können sich nicht mehr blind auf eine treue Stammwählerschaft verlassen, sondern müssen den Wählern etwas bieten, um sie bei der Stange zu halten.