In ihrer Verzweiflung versuchten die Stadtzürcher Freisinnigen ihr Glück mit einem politischen "Buebetrickli". Wäre es nicht möglich, fragten sie die Kantonsregierung, dass, wer mehr als die Hälfte seiner Steuern nicht an seinem Wohnort, sondern in einer anderen Zürcher Gemeinde bezahle, sein Stimm- und Wahlrecht dorthin verlegen könne? Ein Anwalt, der in Küsnacht wohnt, seine Kanzlei aber in Zürich hat und dort dem Staat viel mehr abliefert, dürfte somit in der Stadt auch mitreden. Er könnte sich seinen demokratischen Einfluss quasi erkaufen.

Nein, meinte der Regierungsrat, das ist eine Schnapsidee. Oder, juristisch gesprochen: "Das hätte nur eine Verkomplizierung, verbunden mit einem großen Mehraufwand, zur Folge und führte zu instabilen sowie rechtsungleichen und intransparenten Lösungen."

Die gescheiterte Wahlrechtsreform von 2010 zeigt, wie tief der Frust bei den bürgerlichen Parteien sitzt. Darüber, dass sie in Zürich, der größten Stadt der Schweiz, seit über einem Vierteljahrhundert nichts zu sagen haben. 1990 war es, da kegelte der unbekannte Sozialdemokrat Josef Estermann den FDP-Stadtpräsidenten Thomas Wagner aus dem Amt – und mit ihm die bürgerliche Mehrheit. Seither wird Zürich von Rot-Grün regiert.

Das soll sich nun ändern. In einem Jahr sind Stadtratswahlen, und bereits seit Monaten versuchen bürgerliche Politiker und ihre Medien, das Terrain für einen Machtwechsel zu planieren.

Nur, sie werden auch dieses Mal scheitern. Nicht weil Zürich die beste aller möglichen Regierungen hätte. (Da ist wenig Gestaltungswille und viel Verwaltungsmentalität.)

Nicht weil die Stadtverwaltung immer wieder neue Benchmarks in gutem öffentlichem Management setzen würde. (Da ist viel gespielte und wenig echte Volksnähe.)

Nein, die bürgerlichen Parteien werden aus einem ebenso einfachen wie erschreckenden Grund scheitern: Sie haben keine tauglichen Ideen, wie sie die Stadt anders, besser führen würden.

Also, was tun sie? Sie jammern.

Allen voran das Sprachrohr der herbeigesehnten bürgerlichen Wende, die Neue Zürcher Zeitung . Seit der Auslandsschweizer Eric Gujer, der sich nach seinen Jahren in Berlin mehr für die deutsche denn für die Schweizer, geschweige denn für die Zürcher Politik interessiert, seit also der konservative Neue die Redaktion führt, klagt das Blatt Woche für Woche über die "rot-grüne Sklerose" in der "Nanny-Stadt". Zürich bevormunde seine Bürger, mische sich ins Privateste ein, kurz, es wolle aus der Bankenstadt ein Volksheim nach schwedischem Vorbild zimmern. Dagegen helfe nur eins: Rechts wählen!

Zürich wird bürgerlicher, doch die FDP profitiert kaum davon

Die Strategie ist nicht neu. Dasselbe versuchte Christoph Blochers Basler Zeitung im vergangenen Herbst in ihrer Stadt. Chefredakteur Markus Somm sah in Basel eine failed city mit einem "schäbigen" und "ärmlichen" Bahnhof und witterte "eine feine Wechselstimmung".

Nun, die politische Chefnase war anscheinend verstopft – Basel blieb links-grün. Wie fast alle großen Schweizer Städte.

Am kommenden Sonntag entscheiden die Berner, ob sie eine Rote oder einen Grünen zu ihrem Stapi wählen wollen. Unter den Orten mit über 100.000 Einwohnern ist nur einer bürgerlich regiert: Winterthur. In der Kategorie 50.000 bis 100.000 Einwohner hat lediglich Lugano einen rechten Sindaco. Nach und nach greift sich die Linke auch Kleinstädte wie Baden oder Burgdorf.

Für die Rechten ist der Fall klar: Die Städter sind die neuen Bauern. Sie hängen alle am Tropf des Staats, also wählen und stimmen sie links und schanzen sich gegenseitig ihre Pfründen zu. Für die einen eine günstige Genossenschaftswohnung, für die anderen fette Kinderkrippen-Subventionen.

Allein, diese Erklärung greift viel zu kurz. Es war unter linker Herrschaft, da Zürich von einer maroden AAA-Stadt, in der die Armen, Arbeitslosen und Alten leben, zu einer City mit Triple-A-Rating wurde. Es waren ein linker Bauvorstand und ein linker Stapi, die ehemalige Industriebrachen zu Hochglanz-Wohn- und Bürovierteln umbauen ließen. (Was eine Genossin zur Bemerkung veranlasste: "Das ist eine seelenlose Kapitalverwertungsveranstaltung, die vom Steuerzahler hochgradig subventioniert wurde.")