Mit ihren Dokumenten könnte Aurica Lipovan das winzige Wohnzimmer der Sozialwohnung tapezieren. 600 Euro hat sie allein in Übersetzungen und Beglaubigungen investiert, jetzt sitzt Lipovan auf dem Teppich, sortiert die Urkunden und seufzt. "Alles für nichts", sagt sie. Seit sechs Jahren versucht die 42-Jährige alles, um in Wien eine Tätigkeit zu finden, die ihrer Ausbildung entspricht. Vergeblich. Die Rumänin hat einen Uni-Abschluss in Physik und ein Postgraduate-Diplom in Informatik, doch in Österreich hielt sie sich und ihre 18-jährige Tochter bisher mit Putzjobs über Wasser.

Das Stereotyp des überqualifizierten Akademikers ist allgemein bekannt, der Philosoph, der als Taxifahrer arbeitet, oder der Soziologe, der kellnert. Noch treffender wäre das Bild, würde es eine Lehrerin aus Pristina oder einen Arzt aus Bagdad zeigen. Ausländer haben es in Österreich schwerer als Inländer, einen adäquaten Job zu finden. Österreich umschwärmt gut verdienende Ausländer als Urlaubsgäste, aber lässt sie versauern, wenn sie für mehr als nur eine Ferienepisode bleiben. Während Migranten in anderen EU-Staaten nach harten Jahren des Ankommens langsam bessere Stellen finden, bleiben sie in Österreich oft in Hilfsjobs stecken. "Hier sind auch viele, die schon länger im Land leben, überqualifiziert", sagt Thomas Liebig, Migrationsexperte der OECD in Paris. Und das sind noch die Glücklicheren: In Österreich finden auffällig viele besser qualifizierte Migranten erst gar keine Jobs. "Wer gut ausgebildet ist", meint Migrationsexperte August Gächter vom Zentrum für Soziale Innovation in Wien, "kommt besser nicht zu uns."

Dienstagmittag, dritter Bezirk in Wien, die Empfangshalle der Zentrale des Arbeitsmarktservice (AMS) wurde zu einem Vortragssaal umgebaut, in engen Sesselreihen haben Frauen Platz genommen, viele junge, wenige ältere, einige mit Kopftuch. Alle eint, dass sie anerkannte Flüchtlinge sind, die in ihrer Heimat als Pädagoginnen gearbeitet haben. Das AMS hat sie eingeladen, um ihnen zu sagen, wie ihre Chancen stehen, auch hier als Lehrerinnen arbeiten zu können. Und das ist rasch erklärt: schlecht. Die Frauen sollten sich so schnell wie möglich nach Alternativen umsehen, rät die Vortragende. Wie wäre es mit einem "freiwilligen Integrationsjahr"? Erfahrung sammeln im Reinigungsdienst, mit Pflegebedürftigen oder Behinderten. Das sei unbezahlt, aber einen Deutschkurs gebe es gratis dazu. Die Frauen im Saal sagen nichts. Nur als die Rede auf eine Intensiv-Umschulung auf Lokführer kommt, fragt eine der Pädagoginnen ungläubig: "Wir sollen Lokführer werden? Ich hab doch nicht mal einen Führerschein."

In der österreichischen Integrationsdebatte dreht sich alles um junge, schlecht ausgebildete Männer, die lebenslang Mindestsicherung beziehen werden. Über die anderen spricht man kaum. Über die, die zu Hause gut verdient haben und jetzt hoffen, nach ein paar Deutschprüfungen dort anknüpfen zu können, wo sie standen. Früher oder später werden die meisten enttäuscht: 48 Prozent der Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten arbeiten in Jobs, für die sie überqualifiziert sind. Unter den österreichischen Staatsbürgern sind es 26 Prozent.

Natürlich sei es ernüchternd, den Lehrerinnen erklären zu müssen, dass sich nun alles, was sie an Berufserfahrung gesammelt haben, als wertlos erweise, sagt Petra Draxl, Leiterin des Wiener AMS. Aber die Gesetze seien nun einmal so. Wer keine anerkannte Ausbildung absolviert hat, kann nicht unterrichten. "Es gibt aber fast nirgends so eine Lehrerausbildung wie bei uns", sagt Norbert Bichl, Experte für Anerkennungsrecht vom Beratungszentrum für Migranten. In Österreich wird ein Lehramtsstudium für zwei Fächer belegt, etwa Englisch und Biologie. Wer in Damaskus oder Erbil nur Biologie unterrichtet hat, gilt hier nicht als Lehrer.