Im besten Alter

"Mir fehlte das Fachwissen"

"Nach der Geburt meiner zweiten Tochter vor 18 Jahren habe ich beruflich pausiert. Irgendwann wollte ich nicht mehr "nur" Mutter sein, es musste ein neuer Job her. Früher habe ich als Industriekauffrau Büroarbeit gemacht. Als ich mich 2011 nach einer neuen Stelle umsah, wusste ich aber: Bloß nicht wieder Papiere von A nach B schieben. Ich wollte unbedingt mit Menschen zu tun haben.

Ich bin dann auf die Bäckerei K&U gestoßen, die Filialen in Edeka-Märkten hat. Angefangen habe ich als Ungelernte im Verkauf. Kunden zu bedienen macht mir Spaß – vor allem, mit den Stammkunden ins Gespräch zu kommen. Die freuen sich richtig, wenn ich da bin. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mir bei vielen Fragen Fachwissen fehlt: Was ist alles drin in einem Dinkelbrot? Welches Mehl wurde verwendet? Deshalb habe ich mit einer Weiterbildung zur Fachkraft für Backkultur begonnen.

Ich bin jetzt zwar schon 51, aber warum sollte ich nicht noch etwas dazulernen? Die Ausbildung dauert zwei Jahre. Wir waren schon in der Backstube und haben geknetet, es zählt aber auch Theorie wie Ernährungslehre dazu. Ich brauche viel Selbstdisziplin, um zu lernen. Vor Prüfungen bin ich heute auch nervöser als früher. Aber es lohnt sich! Wenn ich von den Seminartagen zurück in die Filiale komme, kann ich neue Ideen gleich umsetzen. Einmal hatten wir ein neues Produkt: den Pfluffin, eine Art Muffin aus einer Kombination aus Plundertasche und Rührteig. Die Kunden haben es überhaupt nicht angenommen. Drei Tage habe ich mir das Elend angeschaut und dann beschlossen: Wir bieten Verkostungen an. Das hat geklappt! Die Teilchen haben sie uns danach komplett aufgekauft."

"Ihre Motivation steckt alle an"

"Die Zahl der Auszubildenden in unserem Unternehmen ist rückläufig. Mit dem Problem stehen wir nicht alleine da. Wir haben aber sehr viele Quereinsteiger, die den Wunsch haben, sich weiterzuqualifizieren. Sie haben vorher einen anderen Beruf gelernt oder eine längere Erziehungspause hinter sich. Wir haben uns gefragt: Was können wir für diese Menschen tun? Wie können wir sie motivieren und an uns binden? Es ist nämlich falsch, nur an junge Leute zu denken, wenn es um Aus- und Weiterbildung geht.

Vor zwei Jahren haben wir dann begonnen, die interne Qualifizierung zur Fachkraft für Backkultur anzubieten. Die Teilnehmer sind zwischen 26 und 58 Jahre alt. Die meisten sind aber über 50. Sie absolvieren im Lauf von zwei Jahren sieben Blöcke, die drei Tage die Woche stattfinden. Wir haben uns den Lehrplan für unsere Azubis genommen und dann entschieden, welches Wissen die Verkäufer benötigen.

Neben Hygieneschulungen und dem Verkaufstraining ist es wichtig, dass sie die Kunden richtig beraten, seit einigen Jahren legen die Kunden viel mehr Wert darauf. Viele Menschen reagieren allergisch auf Laktose, Gluten oder andere Inhaltsstoffe. Wer Brot verkauft, muss heute einfach wissen, wie es hergestellt wird, warum Vollkornbrot gesund ist und was man unter feinen Backwaren versteht.

Den Älteren fällt es schwerer, sich wieder an das Lernen zu gewöhnen. Es ist schließlich lange her, dass sie sich theoretisches Wissen erarbeiten mussten. Manche Teilnehmer lassen sich vor Klausuren von ihren Kindern abfragen. Nach der Weiterbildung treten sie in den Filialen aber meistens selbstsicherer auf und stecken mit ihrer Motivation die ganze Mannschaft an."

"Ich konnte nicht mitreden"

"Ein Studium in meinem Alter ist ungewöhnlich, aber die Entscheidung fiel mir leicht: Ich hatte begonnen, in der Personalabteilung eines Automobilzuliefererkonzerns zu arbeiten, saß mit Managern, Vizepräsidenten und Wissenschaftlern zusammen – und stellte fest: Um wirklich mitreden zu können, fehlten mir betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Also habe ich mit Ende 40 an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen Business Administration studiert. Drei Jahre dauerte der Bachelor. Ich war immer abends oder am Wochenende in der Hochschule – eine anstrengende Zeit. Manchmal habe ich bis zwei Uhr nachts gelernt, wenig geschlafen. Wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte, würde ich mir diesen Stress ersparen und direkt nach der Schule Wirtschaftswissenschaften studieren. Sogar Freundschaften sind daran zerbrochen. "Du hast ja nie Zeit", bekam ich zu hören. Meine Kommilitonen waren zum Großteil jünger als 30, das hat mich aber nicht gestört. Ich konnte viel von meiner Berufserfahrung einbringen: Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht, später als Personalleiterin in Hotelkonzernen gearbeitet.

"Männer überschätzen sich"

Inzwischen bin ich bei einem britischen Chemiekonzern in Marl tätig. Meine Vorgesetzten rechnen mir das Studium hoch an, sie profitieren ja auch davon: Der Konzernchef wollte zum Beispiel, dass wir in Deutschland die Frauenquote bei den Ingenieuren erhöhen, was schwierig ist. Eine Kommilitonin und ich haben das Thema zu einer Seminararbeit gemacht und recherchiert, wie wir den Job für Frauen attraktiv machen können und in welchen Ländern und Unternehmen es schon besser funktioniert. Mein nächstes Ziel: der Abschluss in Wirtschaftspsychologie."

"Männer überschätzen sich"

"In meinen Seminaren sitzen inzwischen zu 20 Prozent Menschen im Alter zwischen 40 und 55. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Das hängt zum einen mit der Bologna-Reform zusammen: Die Studiengänge sind vielfältiger, es gibt unzählige Möglichkeiten. Zum anderen befinden sich Menschen in diesem Alter in einer Phase, in der sie sich fragen: Will ich wirklich die nächsten Jahre in diesem Unternehmen und auf dieser Position weitermachen oder mich neu orientieren? Wer sich dann für ein Studium entscheidet, ist in der Regel ein offener, neugieriger und motivierter Mensch.

Gerade das Fach Wirtschaftspsychologie ist bei älteren Studenten gefragt, vor allem Personalleiter belegen es gern. Früher wurde dieser Job von studierten Juristen oder Betriebswirten erledigt. Heute verlangt der Beruf zu 90 Prozent Psychologiekenntnisse. Wie führt man andere? Wie motiviert man seine Mitarbeiter? Und wie wählt man Personal überhaupt aus? Meine Studenten haben zwar oft schon viele Jahre Berufserfahrung, befassen sich dann aber zum ersten Mal wirklich mit ihrem Führungsstil. Oder sie merken, dass sie bei der Personalauswahl eher nach Sympathien gegangen sind. Im Unterschied zu ihren jüngeren Kommilitonen hinterfragen die Älteren das Gelernte viel stärker.

Wer sich der Herausforderung Studium und Job stellt, sollte auf jeden Fall belastbar sein und mit Stress umgehen können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich gerade die Männer zum Teil überschätzen. Sie haben sowieso schon eine 50- bis 60-Stunden-Woche, dann ist da die Familie, und das Studium fordert auch noch mal 15 bis 20 Stunden pro Woche."

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